Kapitel 1
Die Klosterbibliothek
1. Die Klosterbibliothek
Es gibt einen Raum in der Welt, der seit dem zwölften Jahrhundert dunkel ist, und ich stehe heut Mittag drin.
Der Raum ist die Bibliothek im Erdgeschoss des Klosters Andechs, fünf Kilometer vom Ammersee entfernt, und ich stehe hier, weil meine Magisterarbeit über barocke Klosterbibliotheken Bayerns geht und weil mir Pater Clemens die Genehmigung erteilt hat, die abgesperrten Bestände einsehen zu dürfen, für vier Stunden, allein, ohne Aufsicht, gegen das schriftliche Versprechen, kein Bild zu machen. Sein letztes Halb-Lächeln gilt nicht mir, sondern den Büchern. Pater Clemens ist achtundsiebzig Jahre alt und seit vierundvierzig Jahren in diesem Kloster. Er hat mir den Schlüssel umgehängt, bevor er gegangen ist.
Es ist halb zwei. Es ist Februar. Es ist kalt im Raum, weil Klosterbibliotheken aus Steinwänden gemacht sind, die im Februar die Wärme aufgeben.
Ich stehe in einer dunklen Halle mit zwei Lampen, die Pater Clemens mir gezeigt hat. Die linke Lampe ist seit den Dreißigerjahren defekt. Die rechte funktioniert. Sie wirft ein gelbes Licht, das nicht weiter als drei Meter reicht. Hinter den drei Metern beginnt eine Dunkelheit, die richtig dunkel ist, mit Buchrücken, die ihren Titel preisgeben, wenn man sehr nahe an sie herangeht und nicht eher.
Ich gehe sehr nahe an sie heran. Ich habe meine Stirnlampe in der Tasche, weil ich kein Klostertier bin und nicht im Dunkeln lesen mag. Ich setze sie auf. Sie macht einen weißen Kreis. Der weiße Kreis fährt an den Buchrücken entlang, langsam, wie eine Hand.
Ich finde sechs Bände Theologica, drei Legendae Sanctorum, ein Speculum Naturale, in vier Bänden, gebunden in dunkelbraunem Leder mit Eisenbeschlägen. Ich finde drei Hortus Animae in derselben Reihe.
Und ich finde Clavis Veli.
Es steht zwischen den Theologica und den Legendae. Es ist schmal – nicht mehr als vier Zentimeter. Es ist gebunden in einem dunklen, beinahe schwarzen Leder, das sich anfühlt, als wäre es mehrere Male nass gewesen, aber wieder getrocknet. Auf dem Rücken steht in alter, schwerer Schrift Clavis Veli. Der Schlüssel des Schleiers.
Ich kenne den Titel nicht. Ich studiere seit vier Jahren Klosterbibliotheken. Ich kenne sehr viele Titel. Ich kenne Clavis Sanctorum, Clavis Theologiae, Clavis Universalis. Ich kenne kein Clavis Veli.
Ich ziehe ihn vorsichtig heraus.
Er liegt in meiner Hand, vier Zentimeter dick, leicht – leichter, als er aussieht. Er hat zwei kleine, eiserne Verschlüsse, von denen einer schon offen ist, einer noch zu. Ich öffne den zweiten. Ich klappe das Buch auf.
Ich höre ein Geräusch.
❧
Es ist kein lautes Geräusch. Es ist eher eine Erinnerung an ein Geräusch. Wie wenn man in einer leeren Wohnung steht und irgendwo eine Heizung anspringt und du es nicht mit den Ohren hörst, sondern in den Knochen spürst. So.
Ich halte inne.
Ich schaue um mich. Die Bibliothek ist leer. Ich höre nichts mehr. Pater Clemens wird seit halb zwei in der Küche sitzen und mit einem anderen Pater Tee trinken, weil ich ihn gefragt habe, ob er um halb zwei eine Pause macht, und weil er auf meine Frage gelacht hat.
Ich lege das Buch auf das Pult, das in der Mitte der Bibliothek steht und das für solche Momente gemacht ist. Ich beuge mich darüber. Ich blättere die ersten Seiten.
Es ist auf Latein, was ich erwartet habe. Es ist mit einer Handschrift geschrieben, die sehr regelmäßig ist, was selten ist, weil die meisten alten Handschriften unregelmäßig sind, weil ein Mensch nach drei Stunden Schreiben anders schreibt als am Anfang. Diese Handschrift ändert sich nicht. Sie ist auf Seite eins, hundert, zweihundert die gleiche.
Ich blättere bis ans Ende. Letztes Blatt. Eine Notiz, in einer anderen Handschrift, in Tinte, die jünger ist – schwarz, fast schwarz, kaum verblasst. Drei Sätze, in einer Mischung aus Latein und Deutsch.
Lege manum non hic. Hand nicht hierauf. Stern.
Ich halte den Atem an.
Stern.
Mein Nachname ist Stern. Lia Stern.
Ich starre auf das Wort. Es ist mit derselben jüngeren Handschrift geschrieben wie die anderen beiden Sätze. Es ist mein Name. Es ist nicht Stern als Wort. Es ist Stern mit einem großen S, an einer Stelle, an der man im Deutschen nicht großschreibt, an der man im Latein nicht großschreibt. Es ist ein Eigenname.
Ich denke kurz: Migräne.
Ich denke das immer, wenn ich was sehe, was ich nicht sehen sollte. Ich denke das, seit ich neun bin. Migräne, mit Aura, mit visueller Komponente. Mein Hausarzt hat mir das mit zwölf bestätigt, ein Neurologe in Pasing hat mir das mit fünfzehn bestätigt. Ich nehme keine Medikamente, weil die Anfälle selten sind. Ich nehme drei tiefe Atemzüge, ich schließe die Augen kurz, ich öffne sie wieder. Wenn ich Migräne hab, ist das Wort weg.
Ich öffne die Augen.
Stern steht da. Mit großem S.
Ich bin nicht migräniert.
❧
Ich höre wieder das Geräusch.
Diesmal ist es lauter, etwas lauter. Wie wenn die Heizung in der leeren Wohnung jetzt schon eine Weile angesprungen ist und du es jetzt anfängst, mit den Ohren zu hören. Es ist ein Summen. Ein sehr tiefes Summen. Es kommt nicht aus den Lautsprechern, weil hier keine Lautsprecher sind. Es kommt aus den Wänden.
Es kommt aus dem Buch.
Ich klappe das Buch zu.
Sofort hört das Summen auf. Wie wenn man die Heizung abschaltet. Sofort.
Ich stehe da. Mein Atem ist flach.
Ich öffne das Buch wieder.
Das Summen kommt zurück. Sofort.
Ich klappe es zu. Es geht weg.
Ich klappe es auf. Es kommt zurück.
Ich tue das vier Mal. Ich bin Wissenschaftlerin. Ich teste meine Beobachtungen. Es ist eindeutig das Buch. Das Buch summt nur, wenn es offen ist. Es summt nicht, wenn es zu ist.
❧
Ich lasse das Buch auf dem Pult liegen, offen, und gehe drei Schritte zurück. Das Summen ist von hier aus immer noch hörbar, aber leiser. Ich gehe weiter zurück, fünf Schritte. Es wird leiser. Zehn Schritte, an die Wand gegenüber gepresst – leiser, aber noch da. Es geht durch den Raum.
Ich komme zurück zum Pult. Das Summen wird wieder lauter. Ich lege die Hand auf das Buch. Es vibriert. Ganz leicht. Es vibriert in meiner Hand wie ein abgeschaltetes Smartphone, das gerade summt, weil ein Anruf kommt, weil die Erinnerung daran, dass es vibrieren kann, an die Hand übertragen wird.
Ich nehme die Hand weg.
Ich nehme die Stirnlampe ab und lege sie auf das Pult. Mein Hals ist trocken. Ich schaue um mich. Die Bibliothek hat sich nicht verändert. Alle Bücher stehen, wo sie stehen. Es ist immer noch kalt. Die rechte Lampe wirft das gelbe Licht.
Aber im linken Korridor – den Pater Clemens als nicht zugänglich bezeichnet hat, den er als Vorraum zum Tresor bezeichnet hat – ist eine Bewegung.
Ich sehe sie aus dem Augenwinkel.
Ich drehe den Kopf. Sie ist weg.
Ich drehe ihn zurück. Ich seh sie wieder, aus dem Augenwinkel. Eine Gestalt, weit hinten im Korridor, die nicht da ist. Sie ist da, wenn ich sie nicht direkt anschaue. Sie verschwindet, wenn ich sie direkt anschaue. Wie diese alten Sterne am Nachthimmel, die man nur sieht, wenn man knapp daneben guckt.
Ich denke wieder: Migräne.
Ich denke: Es ist Februar, ich hab seit drei Tagen schlecht geschlafen, ich sollte das Buch zumachen und gehen.
Ich klappe das Buch nicht zu.
❧
Stattdessen mache ich, was ich seit ich neun Jahre alt bin nicht gemacht habe: Ich gehe auf die Stelle zu, wo die Sache ist, die ich nicht sehen sollte.
Ich gehe in den linken Korridor.
Mit jedem Schritt verändert sich das Licht. Nicht von außen – die rechte Lampe wirft immer noch das gelbe Licht von hinten. Aber meine Augen gewöhnen sich anders. Es ist, als würde ich nicht mehr Licht sehen, sondern unter dem Licht sehen. Wie in einem Mehrfarbensystem, in das jemand eine zusätzliche Farbe eingebaut hat, die niemand sonst kennt.
Ich gehe weiter. Im linken Korridor wird es dunkler. Aber ich kann unter dem Licht sehen. Ich kann die Gestalt jetzt direkt anschauen, und sie verschwindet nicht. Sie ist eine Frau in einem dunklen Gewand. Sie hat ihren Rücken zu mir. Sie steht vor einem Regal und tastet eine Reihe von Buchrücken ab.
Ich bleibe stehen.
Mein Herz ist schnell.
Ich versuche, ruhig zu denken. Wenn das eine Migräne-Halluzination ist, dann ist das eine sehr realistische Migräne-Halluzination, mit einem Geruch – sie riecht, wenn ich mich konzentriere, nach Wachs, nach Rauch von einem alten Herdfeuer, nach feuchtem Stein.
„Hallo?“, sage ich.
Ich sage's leise.
Die Gestalt dreht sich nicht um. Sie ändert nichts an dem, was sie tut. Sie streicht weiter über die Buchrücken.
„Hallo?“, sage ich lauter.
Sie hält inne.
Sie dreht den Kopf.
Sie hat kein Gesicht.
Sie hat – ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Ihr Kopf ist da, aber ihr Gesicht ist… unscharf. Wie ein Foto, das jemand absichtlich verwackelt hat. Ich sehe Augen, sie sind irgendwo. Ich sehe einen Mund, er ist irgendwo. Aber ich kann sie nicht festhalten. Ich seh die Form, ich seh nicht das Wer.
Sie sieht mich an.
„Lia.“
❧
Es ist meine eigene Stimme.
Sie sagt meinen Namen mit meiner Stimme.
Mein Nacken kribbelt. Ich gehe einen Schritt zurück.
Sie geht keinen Schritt vor. Sie steht. Sie hebt eine Hand. Sie zeigt auf das Buch auf dem Pult, hinter mir. Die Hand ist auch unscharf, aber die Geste ist klar.
„Lia. Nicht öffnen.“
Mit meiner Stimme.
„Wer bist du?“, flüstere ich.
Sie schüttelt den Kopf. Sie zeigt nochmal auf das Buch. Sie öffnet den Mund.
„Lia. Lauf.“
Diesmal ist es nicht meine Stimme. Diesmal ist es eine Frauenstimme, die ich nicht kenne. Älter. Bayerische Färbung. Und sie ist in meinem Kopf, nicht in meinen Ohren – ich höre sie, aber ich höre sie nicht durch die Luft.
Ich drehe mich um.
Ich laufe zurück zum Pult.
Ich klappe das Buch zu.
❧
Das Summen verschwindet.
Die Gestalt verschwindet – ich weiß nicht, ich schaue nicht zurück, aber das Gefühl, dass jemand hinter mir steht, ist weg.
Ich stehe vor dem Pult. Mein Atem ist sehr flach. Meine Hände zittern. Ich lege sie auf das geschlossene Buch, weil ich was Festes anfassen muss. Das Leder ist kühl.
Ich denke: Was war das?
Ich denke: Du hast nichts gegessen heute.
Ich denke: Du hattest gestern Wein.
Ich denke: Du hast eine Magisterarbeit am Hals.
Ich denke: Es war eine Migräne.
Ich denke das alles, und ich glaube nichts davon.
❧
Ich packe das Buch in meine Tasche.
Das tue ich, ohne zu denken. Pater Clemens hat mir gesagt: Sie dürfen die Bücher in der Bibliothek lesen, Sie dürfen sie nicht ausleihen, kein Bild machen, kein Verlassen. Ich verlasse die Bibliothek mit dem Buch in meiner Tasche. Ich tu was, was ich seit zwei Wochen Vertrauen mit Pater Clemens nicht hätte tun dürfen.
Ich bin keine Diebin. Ich bin Doktorandin in spe.
Ich tu's trotzdem.
Ich schließe die Bibliothek. Ich nehme den Schlüssel mit. Ich gehe durch den Klosterhof. Pater Clemens sitzt mit Pater Mauritius im kleinen Hof neben der Küche, sie sehen mich nicht. Ich winke nicht. Ich gehe schnell.
Ich gehe an den Klosterladen vorbei, in dem die Touristen Bier kaufen. Ich gehe an der Kasse vorbei, an der eine ältere Frau dem Kassierer eine längere Geschichte erzählt. Ich gehe zum Wanderparkplatz. Ich finde mein Auto.
Ich setze mich rein.
Ich schließe die Tür.
Ich starre auf das Lenkrad.
Mein Hals ist immer noch trocken. Mein Atem ist immer noch flach. Ich habe ein Buch in meiner Tasche, das nicht meines ist. Ich habe ein Buch in meiner Tasche, das auf der letzten Seite Stern sagt.
Ich greife in meine Tasche. Ich nehme das Buch raus. Ich lege es auf den Beifahrersitz. Es liegt da.
Es summt nicht. Es ist zu.
Ich starte den Wagen.
❧
Ich fahre die kleinen Straßen runter, am Ammersee entlang. Es schneit nicht. Es ist klar. Die Berge sind weiß im Hintergrund. Die Welt sieht aus wie eine Welt, in der nichts Komisches passiert ist.
Ich denke an die Stimme. Lia. Lauf.
Ich denke an Pater Clemens. Wenn er bemerkt, dass das Buch fehlt, ruft er die Polizei. Aber ich glaube, er bemerkt es nicht. Er hat mich gewarnt vor bestimmten Büchern. Er hat Clavis Veli nicht erwähnt. Vielleicht weiß er nicht, dass das Buch existiert. Vielleicht ist das ein Buch, das niemand kennt, weil sein Rücken so unauffällig ist, dass niemand es seit hundert Jahren gezogen hat.
Vielleicht.
Vielleicht hat er mich auch nur eingelassen, damit ich es finde.
❧
Ich fahre nach München. Ich brauche eine Stunde, weil ich schlecht fahre, weil ich an alten Frauen mit Stöcken vorbei muss, die ich vor einer Woche überholt hätte. Ich parke vor meiner Wohnung in Schwabing. Ich gehe rauf. Ich öffne die Tür. Es ist kalt.
Ich lege das Buch auf meinen Tisch. Ich starre es an.
Ich rufe meine Mutter an. Mein Vater ist in Frankfurt. Meine Mutter wohnt in Augsburg.
„Mama.“
„Lia, was ist los?“
„Ich… Mama.“
„Lia, du klingst komisch. Wo bist du?“
„Ich bin zu Hause. München.“
„Was ist los?“
Ich überlege, was zu sagen.
„Mama, hat unsere Familie irgendwas mit Klöstern zu tun?“
„Was?“
„Klöstern. Mit Andechs. Mit Klosterbibliotheken.“
„Lia, was?“
„Hat irgendwer in unserer Familie… einen Bezug? Zu Andechs, oder zu… Büchern? Alten Büchern?“
Es ist still am anderen Ende.
Sehr still.
Ich höre meine Mutter atmen. Sie atmet einmal ein, einmal aus. Eine sehr lange Pause für meine Mutter, die normalerweise in jeder Sekunde drei Sätze antwortet.
„Mama?“
„Lia. Hör mir zu.“
„Ja.“
„Setz dich.“
„Ich sitze schon.“
„Lia. Was hast du gesehen heute?“
Mein Atem stockt.
„Mama, was meinst du, was hast du gesehen heute?“
„Lia. Du wirst mir jetzt sagen, was du heute gesehen hast. Bitte.“
Ich erzähle.
Ich erzähle alles. Pater Clemens. Clavis Veli. Stern. Die Frau mit dem unscharfen Gesicht. Das Summen. Die Stimme. Ich erzähle es in zwei Minuten, sehr schnell, und meine Mutter unterbricht nicht. Sie atmet nur, einmal, zweimal, dreimal.
Als ich fertig bin, sagt sie:
„Lia. Wo ist das Buch jetzt?“
„Auf meinem Tisch.“
„Lass es liegen. Lass es zu. Berühr es nicht. Hörst du mich?“
„Ja.“
„Ich komme jetzt zu dir. Ich fahre. Ich bin in eineinhalb Stunden da. Vor meiner Ankunft kommt jemand zu dir. Er klingelt. Er heißt Mattheo. Er ist ein Familienfreund. Du lässt ihn rein. Du machst, was er sagt. Versprich es mir.“
„Mama, was?“
„Versprich es mir, Lia.“
„Ja. Ich versprech.“
„Ich wollte dir das nicht so sagen. Ich wollte dir das überhaupt nicht sagen. Ich habe gehofft, dass es bei dir nicht passiert. Es ist… vierzig Jahre durchgesprungen. Bei mir ist es nicht passiert. Ich hab gedacht, das geht so weiter. Bei dir ist es… wieder. Ich hab Angst gehabt, seit du neun warst, dass es eines Tages so kommt. Ich hätt's dir früher sagen sollen.“
„Mama. Was sollst du mir gesagt haben?“
„Lia. Wir sind keine normale Familie.“
„Wir sind keine normale Familie?“
„Wir sind eine alte Familie. Wir sind… eine sehr alte Linie. Stern ist nicht der Name, den uns Standesamt-Beamten gegeben haben. Stern ist der Name, den wir uns vor zwölf Jahrhunderten selbst gegeben haben. Es geht um eine Sache, die ich dir nicht am Telefon erklären kann. Ich bin in eineinhalb Stunden bei dir. Mattheo erklärt dir das Wichtigste vorher. Ich hab ihn schon angerufen, bevor du angerufen hast – er ist seit zwei Tagen in München, weil er… weil er gewusst hat, dass das hier passieren würde.“
„Wer ist Mattheo?“
„Ein guter Mann.“
„Mama, wer?“
„Lia, lass das Buch liegen. Ich bin gleich da. Ich liebe dich.“
Sie legt auf.
❧
Ich sitze auf meinem Stuhl. Ich starre auf das Buch. Es liegt da. Es summt nicht. Es ist zu.
Vor meiner Tür klingelt es.
Ich stehe nicht auf.
Es klingelt nochmal.
Eine Stimme, durch die Tür.
„Frau Stern? Ich heiße Mattheo Reichlin. Ihre Mutter hat Sie angerufen. Ich bin allein. Bitte öffnen Sie.“
Eine ruhige Stimme. Tiefer als ich erwartet hab. Bayerisch gefärbt, aber nicht münchnerisch. Eher bergisch – Berchtesgaden, Salzburg, da rum.
Ich stehe auf. Ich gehe zur Tür. Ich schaue durch den Spion.
Da steht ein Mann, etwa Mitte oder Ende zwanzig. Schwarzes Haar, kurz. Ein dunkler Mantel, der bis zu den Knien geht. Er hält eine Mappe in der einen Hand, die andere ist leer. Er sieht nicht direkt in den Spion, sondern leicht zur Seite, als würde er die Privatsphäre des Schauenden respektieren.
Ich öffne die Tür.
„Frau Stern.“
„Lia.“
„Lia. Mattheo. Darf ich rein?“
„Ja.“
Er kommt rein. Er bleibt im Flur stehen. Er sieht nicht nach links oder rechts, er schaut mich an. Er hat dunkelblaue Augen. Er hat einen kleinen Schnitt am Kinn, frisch, vielleicht zwei Tage alt.
„Frau Stern“, sagt er noch einmal, weil's ihm passender ist als Lia.
„Lia.“
„Frau Stern. Ich werde Ihnen einige Fragen stellen, die Ihnen wahrscheinlich seltsam vorkommen werden. Bitte beantworten Sie sie ehrlich. Es geht um Ihre Sicherheit.“
„Ja.“
„Haben Sie heute Nachmittag im Kloster Andechs ein Buch geöffnet, das Clavis Veli heißt?“
Mein Atem stockt.
„Ja.“
„Haben Sie es mit nach Hause gebracht?“
„Ja.“
„Ist es geöffnet oder geschlossen?“
„Geschlossen.“
Er atmet einmal aus.
„Gut. Sehr gut. Das war die richtige Entscheidung. Bitte zeigen Sie es mir. Ich werde es nicht öffnen. Ich werde es ansehen.“
Ich führe ihn ins Wohnzimmer. Er bleibt drei Schritte vor dem Tisch stehen.
Er beugt sich vor.
Er schaut auf das Buch.
Sehr lange.
Er sagt nichts für mehr als eine Minute. Er steht da, leicht gebeugt, die Hand am Mantelsaum. Ich höre ihn atmen. Ein-, zwei-, dreimal.
Dann richtet er sich auf.
Er schaut mich an.
„Frau Stern.“
„Lia.“
„Lia.“
„Ja.“
„Wir haben ein Problem.“
❧
Es ist halb fünf am Nachmittag.
Es ist Mitte Februar.
Die Welt sieht aus, als wäre sie wie immer.
Ich höre die Heizung in meiner Wohnung leise springen, jetzt mit den Ohren, durch die Luft. Mattheo Reichlin steht in meinem Wohnzimmer mit einer dunklen Mappe in der Hand und einem frischen Schnitt am Kinn und einem Satz, den er gerade gesagt hat, der das nicht-Sein dieser Welt für immer zu was anders Seiendes gemacht hat.
Wir haben ein Problem.
Ich denke, sehr leise:
Wir.
Ich nicke.
Ich sage: „Setzen Sie sich.“
Er setzt sich.
2. Wahrer
Mattheo Reichlin sitzt auf dem Sofa, das eigentlich für Studierende gemacht ist, in dem Format, das Studierende in Schwabing haben – IKEA, sechs Jahre alt, ein Polster, das nicht mehr so hart ist, wie es war. Er sitzt gerade. Er hat den Mantel nicht ausgezogen.
„Möchten Sie ein Glas Wasser?“, frage ich.
„Ja, gerne.“
Ich gehe in die Küche. Ich gieße zwei Gläser. Meine Hände zittern leicht, weniger als vorhin, aber merklich. Ich bringe die Gläser zurück. Ich setze mich auf den Sessel gegenüber.
„Lia.“
„Ja.“
„Bevor wir anfangen – es ist wichtig, dass Sie verstehen, dass ich Ihnen jetzt etwas erzähle, das ich Ihnen erzählen darf. Ihre Mutter hat mich angerufen heute Mittag. Sie hat mir gesagt, was Sie heute getan haben. Sie hat mich gebeten, hierherzukommen. Ich werde Ihnen sagen, was nötig ist. Nicht mehr. Nicht weniger. Wenn Sie Fragen haben, stellen Sie sie. Wenn Sie Pause brauchen, sagen Sie's.“
„Ja.“
„Sie heißen Lia Stern. Ihre Mutter heißt Anna Stern. Ihre Großmutter hieß Marie Stern, geborene Holst.“
„Ja.“
„Sie sind die letzte einer Linie, die Stern heißt, weil Ihre Vorfahrin vor zwölf Jahrhunderten in einer Familie geboren ist, die diesen Namen angenommen hat, als sie zu… einer bestimmten Funktion bestimmt wurde. Bevor das Standesamt es war. Sterne gibt es einundzwanzig in Bayern, drei in Tirol, zwei in der Schweiz. Sie sind alle miteinander verwandt. Acht Linien sind ausgestorben – kinderlos, oder durch Unglück, oder durch andere Dinge, die ich Ihnen heute nicht erzählen werde. Vier Linien bestehen noch, Ihre ist eine davon.“
„Was sind wir?“
„Sie sind eine Linie der Wahrer.“
❧
Er hält kurz inne, als wartete er, dass ich darauf etwas sage.
Ich sage nichts. Ich nicke nur.
„Wahrer halten ein Versprechen“, fährt er fort. „Vor zwölf Jahrhunderten haben sich drei Linien – Reichlin, Stern, Holst – in einem Hochmoor bei Murnau zusammen getroffen und sich gegenseitig versprochen, einen Riss zu hüten. Den Riss zwischen unserer Welt und einer anderen Welt. Wir sind nicht die einzigen Hüter weltweit. Es gibt vergleichbare Linien in der Bretagne, in Karelien, in Aragon, im Grenzgebiet zwischen Anatolien und Armenien. Aber wir sind die für unseren Riss zuständig. Unser Riss liegt unter Bayern, südlich des Inns. Andechs sitzt direkt darüber. Drei Klöster sitzen darüber: Andechs, Reisach, Tegernsee. Drei Steine, die wir manchmal Schaltsteine nennen. Drei Bibliotheken, in denen Bücher liegen, die nicht für jedes Auge gemacht sind.“
„Clavis Veli.“
„Clavis Veli. Das Schlüsselbuch des Schleiers. Es ist über achthundert Jahre alt. Es ist eine Anleitung. Es erklärt, wie man den Schleier öffnen kann, der die beiden Welten trennt.“
„Es ist eine Anleitung.“
„Ja.“
„Wer hat das geschrieben?“
„Ein Wahrer, der wahnsinnig wurde, im Jahr 1183. Er hat geglaubt, er müsse die Welt heilen, indem er sie der anderen Welt öffnet. Sein Buch wurde verboten, ist aber nicht zerstört worden, weil seine Mit-Wahrer nicht den Mut hatten, es zu verbrennen. Solche Bücher zu verbrennen, gilt bei uns als gefährlich, weil sie sich in der Glut sammeln und neue Hüllen suchen. Stattdessen wurde es in einem Kloster eingeschlossen. In Andechs. Es wurde einmal alle hundert Jahre eingesehen, von einem benannten Wahrer, der prüfen sollte, dass das Buch nicht verschwunden ist. Vor sechzig Jahren wurde es eingesehen, das nächste Mal in vierzig Jahren. Niemand sollte es vorher anfassen.“
„Ich hab's angefasst.“
„Ja.“
„Ich hab's geöffnet.“
„Ja.“
„Was passiert jetzt?“
❧
„Das hängt davon ab“, sagt er, „wie weit Sie's geöffnet haben.“
„Ich hab… ich hab die ersten Seiten geblättert. Ich hab bis ans Ende gesehen. Ich hab das Wort Stern gefunden.“
„Auf der letzten Seite?“
„Ja.“
„Ist sonst was passiert?“
„Ein Summen. Aus dem Buch. Sehr leise zuerst. Dann lauter. Es hat aufgehört, als ich's zugeklappt hab.“
Er nickt.
„Sonst noch was?“
Ich überlege. Ich weiß nicht, ob ich's sagen will. Ich weiß auch nicht, warum ich's nicht sagen will. Ich sage's trotzdem.
„Eine Frau. In dem linken Korridor. Mit unscharfem Gesicht. Sie hat meinen Namen gesagt, mit meiner Stimme. Dann hat sie was gesagt, mit einer anderen Stimme. Eine Frauenstimme. Eine ältere. Lia. Lauf.“
❧
Er hält die Luft an.
Eine ganze halbe Sekunde.
Dann atmet er aus.
„Wie hat sie ausgesehen?“
„Sie war eine Frau in einem dunklen Gewand. Sie hat einen Rücken zu mir gehabt. Sie hat… die Buchrücken abgetastet.“
„Welche Wand?“
„Linker Korridor. Hinter dem zweiten Regal, vom Pult aus gesehen.“
„Ja. Das ist der Vorraum zum Tresor. Da liegen die anderen Bücher. Vorher der wichtige Bestand.“
„Ja, das hat Pater Clemens gesagt.“
„Lia. Diese Frau. Hat sie einen Ring getragen?“
„Ich weiß nicht. Ihre Hände waren auch unscharf.“
„Hat sie sich umgedreht?“
„Sie hat den Kopf gedreht.“
„Hat sie ihre Hand gehoben?“
„Ja. Sie hat auf das Buch gezeigt.“
„Mit der rechten oder der linken Hand?“
„Rechts.“
„Lia. Sehr wichtig: Hat sie als Erstes Ihren Namen mit Ihrer Stimme gesagt, oder als Erstes eine andere Stimme verwendet?“
„Mit meiner Stimme. Lia. Nicht öffnen. Erst dann Lia. Lauf. Mit einer anderen.“
❧
Er atmet.
„Das ist… okay.“
„Okay?“
„Lia, ich erkläre Ihnen das. Was Sie gesehen haben, ist nicht eine Tote. Es ist nicht eine Vorhut der anderen Seite. Es ist… eine Wahrer-Botin. Eine Verstorbene aus Ihrer eigenen Linie, die im Buch eingeschrieben ist als Wächterin. Sie hat sich mit Ihrer Stimme gemeldet, weil das ihre erste Verteidigungsstufe ist. Wenn Sie reagiert hätten, hätte sie weiter geredet, immer mit Ihrer Stimme, immer höflich. Sie hätte versucht, Sie zum Zumachen zu bewegen, ohne Sie zu erschrecken. Erst als Sie direkt auf sie zugegangen sind, hat sie die zweite Stufe genutzt – eine fremde Stimme, fremder Befehl. Lauf. Das ist eine Schutzstimme. Sie ist von einer früheren Wahrerin.“
„Wer war sie?“
„Vermutlich Ihre Ururgroßmutter Else. Vielleicht auch eine ältere. Manche bleiben länger im Buch als andere. Else ist 1923 ins Buch geschrieben worden, weil sie das Buch betreut hat. Es war kurz vor ihrem Tod.“
„Wie können Tote in einem Buch sein?“
„Sie sind nicht im Buch. Es ist eine sehr alte Form, die wir Stimmenrahmen nennen. Man kann eine Stimme einer lebenden Person für eine Zeit einfrieren, mit Erlaubnis der Person, gegen einen Zweck. Wenn diese Person stirbt, bleibt der Stimmrahmen, sofern er aktiv ist. Es ist nichts Religiöses. Es ist nichts Gespenstiges. Es ist eine Speicherform, vergleichbar mit einer Audioaufnahme, nur mit einer ganz anderen Technologie. Sie hört auf einfache Reize: einen Eindringling, das Öffnen eines bestimmten Buches, einen falschen Namen.“
„Sie hat Stern erkannt?“
„Sie hat Stern erkannt. Else hat den Stimmrahmen so eingestellt, dass er auf ihre Linie reagiert. Eine Stern, die das Buch öffnet, soll gewarnt werden. Sie hat ihre Pflicht getan.“
❧
„Mattheo.“
„Ja.“
„Wieso bin ich hier?“
„Was meinen Sie?“
„Wieso ich? Wieso ich, in einer Bibliothek, an einem Februartag, mit einer Magisterarbeit, die zufällig in Andechs gemacht wird?“
„Lia. Wie sind Sie an die Erlaubnis gekommen?“
„Ich hab Pater Clemens vor zwei Wochen besucht. Ich hab ihn gefragt. Er hat zuerst nein gesagt. Dann, als ich gegangen bin, hat er mich zurückgerufen. Er hat gesagt, er hat sich anders besonnen. Ich hatte ihm meinen Pass gegeben, weil er ihn brauchte, um eine Bestätigung zu schreiben.“
„Pater Clemens hat dann mit jemandem telefoniert.“
„Ja?“
„Ich vermute, mit Ihrer Mutter.“
„Was?“
„Lia. Ihre Mutter hat geahnt, dass Sie eine Wahrer-Tochter sind. Sie hat es geahnt seit Sie neun sind, weil Sie damals Dinge gesehen haben, die niemand sonst gesehen hat. Ihre Mutter ist selbst keine Wahrerin im aktiven Sinn – bei ihr ist die Linie eine Generation gesprungen, das passiert manchmal. Aber sie ist Tochter einer Wahrerin und kennt die Mechanik. Sie hat lange gewartet, ob Sie sich von selbst dem Klosterland zuwenden. Sie haben sich zugewandt – Magisterarbeit über Klosterbibliotheken. Pater Clemens ist seit dreißig Jahren mit der Wahrer-Linie in Kontakt. Er hat ihr Bescheid gegeben, als Sie um Erlaubnis gebeten haben. Sie hat ihm gesagt: Geben Sie ihr die Erlaubnis. Geben Sie ihr Zugang zur ganzen Bibliothek.“
Ich starre ihn an.
„Meine Mutter hat… organisiert, dass ich heute in Andechs war?“
„Sie hat es ermöglicht. Nicht direkt organisiert. Sie hat den Schleier gelassen, der Sie heute durchgegangen ist.“
„Sie wusste, dass ich das Buch finden würde?“
„Sie hat gehofft. Oder gefürchtet. Beides. Wenn Sie's gefunden hätten und nicht angefasst – gut. Wenn Sie's gefunden und angefasst, aber zugeklappt hätten – zweite Wahl. Wenn Sie's gefunden und für eine Stunde geöffnet – Katastrophe. Sie sind in der zweiten Variante.“
„Mh.“
❧
Er sieht mich an. Sein Gesicht ist nicht streng. Er hat einen ruhigen Ernst, der weniger fordernd ist als angenommen.
„Lia. Es tut mir leid, dass das so kommt.“
„Das was?“
„Dass Sie es so erfahren. Wir wollten Sie eigentlich noch zwei Jahre in Ruhe lassen. Sie hatten eine Magisterarbeit zu schreiben. Wir hätten Sie zu Ihrem Geburtstag im November besucht – Anna und ich – und Ihnen das alles erzählt.“
„Sie kennen meinen Geburtstag.“
„Ich kenne mehr als nur Ihren Geburtstag, Lia. Mein Vater war der Berater Ihrer Großmutter. Meine Tante ist die Patin Ihrer Mutter. Wir sind eine Familie.“
„Eine Familie.“
„Drei Linien.“
„Die Reichlin sind die zweite Linie?“
„Die erste, traditionell. Wir koordinieren. Stern liest. Holst vermittelt.“
„Was soll das heißen, Reichlin koordiniert?“
„Wir sind die, die laufen, wenn etwas passiert. Sie sind die, die wissen, was die Bücher sagen. Holst sind die, die mit der anderen Seite reden, wenn nötig.“
„Mit der anderen Seite reden.“
„Lia. Es gibt eine andere Welt. Sie ist nicht dramatisch. Sie ist nicht voll von Monstern. Sie ist nur… anders. Es leben dort Wesen, die nicht ganz wir sind, die mit uns aber gemeinsame Vorfahren haben. Sie haben Sprache. Sie haben Politik. Sie haben Diplomatie. Holst sind Diplomaten. Sie reden, wenn die andere Seite was von uns will, oder umgekehrt. Es ist seit zweihundertfünfzig Jahren stabil. Wir haben einmal alle dreißig Jahre Verhandlungen, sonst nichts.“
❧
„Mattheo.“
„Ja.“
„Sie reden, als wär das alles… normal.“
„Es ist normal. Es ist nur eine andere Normalität als die, die Sie kennen.“
„Ich… ich kann das nicht.“
„Lia. Sie müssen nicht.“
„Was?“
„Sie müssen nicht. Ihre Mutter hat es nicht. Nicht jeder Wahrer, der geboren wird, übernimmt die Funktion. Sie können sich entscheiden, das alles zu vergessen. Wir können Ihnen helfen, es zu vergessen – wir haben Mittel dafür, alte, kontrollierte Mittel. Sie würden weiter Klosterbibliotheken erforschen und einen guten Beruf machen. Sie würden in zwei Jahren Ihr Doktorat anfangen. Sie würden in fünf Jahren heiraten und Kinder kriegen, oder nicht heiraten, das ist Ihre Sache. Sie würden nichts mehr sehen. Sie würden Migräne haben – in der Stärke, die Sie heute hatten – alle paar Jahre. Sie würden glücklich sein.“
„Was ist die Alternative?“
„Sie übernehmen die Funktion. Sie lernen das Lesen der Bücher. Sie werden Forschungsstipendiatin der Reichlin-Stiftung – die offiziell eine Akademie für Mediävistik ist, die inoffiziell unsere Akademie ist. Sie hätten ein Einkommen, eine Wohnung, und einen Beruf, der mit ihrem aktuellen Berufsweg verträglich ist. Sie wären eine seltene Wissenschaftlerin mit Spezialgebiet bayerische Klosterhandschriften. Sie würden sehen, was Sie sehen. Sie hätten Kollegen, die Ihnen das Sehen erklären. Sie wären Teil von etwas, das seit zwölf Jahrhunderten besteht.“
„Und wenn ich's nicht entscheide?“
„Wenn Sie sich nicht entscheiden, bekommen wir ein Problem. Das Clavis Veli hat Sie als Stern erkannt. Es ist jetzt aktiv. Es summt nicht mehr, weil es zu ist, aber es ist gestimmt. Wenn ein anderer Wahrer das Buch öffnet, ist es schwächer. Wenn jemand mit einer falschen Absicht das Buch findet, ist es jetzt eingeschwungen, was ihm hilft. Das Buch zu deaktivieren, ist eine Operation, die nur eine Stern machen kann. Jetzt, kurz nach der Aktivierung. Wenn Sie's nicht innerhalb von dreißig Tagen tun, wird das Buch dauerhaft offen bleiben – auch wenn die Deckel geschlossen sind. Es sendet.“
„Es sendet?“
„Es sendet. An Wesen, die zuhören wollen. An Menschen mit alten Familiennamen, die sich… interessieren.“
❧
Mein Hals ist sehr trocken.
„Was muss ich tun, um es zu deaktivieren?“
„Sie öffnen es. Bewusst. Ein letztes Mal. Sie sprechen drei Worte. Sie schließen es. Sie verbrennen es.“
„Verbrennen?“
„Sie verbrennen es.“
„Ich denk, Bücher dieser Art zu verbrennen ist gefährlich.“
„Wenn man's unkontrolliert macht. Wenn ein Wahrer es tut, im richtigen Moment, mit den richtigen Worten, ist es das einzige, was ein deaktiviertes Clavis Veli schließen kann. Sie würden es tun, mit mir, mit Ihrer Mutter, mit einem dritten – jemand aus Holst – als Beobachter. Wir würden das in einer kontrollierten Umgebung machen, im Klingenkeller.“
„Wo?“
„Im Reichlin-Hof. Klingenkeller. Ein alter Brennraum, von einer Dependance der Hochburg, in dem genau solche Sachen früher gemacht wurden. Wir haben ihn renoviert. Wir haben ihn… nutzbar gehalten.“
„Und das ist normal für Sie?“
„Ich bin einmal mit dabei gewesen. Mit zwölf. Mein Vater hat ein anderes Buch deaktiviert.“
❧
Ich höre ein Geräusch.
Schlüssel im Schloss.
Meine Mutter.
Sie kommt rein. Sie wirft die Tasche auf den Boden. Sie sieht zuerst Mattheo. Sie nickt ihm zu, knapp. Dann mich.
„Lia.“
„Mama.“
Sie kommt auf mich zu. Sie umarmt mich. Sie umarmt mich so fest wie seit zehn Jahren nicht mehr. Sie riecht nach Heimwegparfüm, nach Auto-Innenraum, nach den vier Plätzchen, die sie jedes Jahr in einer Dose mit sich trägt. Ich rieche an ihr.
„Es tut mir leid“, sagt sie an meinem Hals. „Ich hätt's dir früher sagen sollen.“
„Mama.“
„Setz dich.“
Sie setzt sich neben Mattheo aufs Sofa. Sie nimmt meine Hand, durch den kleinen Tisch zwischen uns. Mattheo macht Platz, rückt etwas zur Seite.
„Hat er dir alles erklärt?“
„Das Wichtigste.“
„Das Buch.“
„Ich hab's geöffnet.“
„Ich weiß.“
„Du wusstest's, bevor ich angerufen hab.“
„Mattheo hat mich angerufen, eine halbe Stunde bevor du angerufen hast. Er hat das Summen gespürt.“
„Ihr habt das Summen gespürt.“
„Er hat. Jeder Wahrer, der nahe genug ist, spürt's. Mattheo war in München. Er hat's hier gemerkt.“
❧
Mattheo nickt leicht.
„Ich war bei einer Tante in Bogenhausen, etwa zwanzig Kilometer von Andechs. Es ist um genau vierzehn Uhr siebenundzwanzig durch mich gegangen. Ich wusste sofort, was ich da spüre. Ich hab Frau Stern angerufen. Sie hat mir gesagt, wo Sie gerade sind. Ich hab gewartet, bis das Summen aufgehört hat – das war um vierzehn Uhr einundvierzig – und dann hab ich gewartet, ob's wieder anfängt. Es hat nicht. Ich hab Frau Stern dann eine Stunde später nochmal angerufen. Sie hat gesagt, ich soll nach Schwabing kommen. Sie hat mir Ihre Adresse gegeben. Ich bin hergekommen. Ich war zwanzig Minuten draußen vorm Haus, ohne reinzugehen, weil ich nicht wusste, ob Sie schon zu Hause sind. Als Sie's Licht eingeschaltet haben, hab ich noch zehn Minuten gewartet, weil ich Sie nicht überrumpeln wollte. Dann hab ich geklingelt.“
„Sie haben gewartet.“
„Ich wollte Ihnen Zeit geben, Ihre Mutter anzurufen.“
„Hat funktioniert.“
„Gut.“
❧
Meine Mutter drückt meine Hand. Sie atmet ein.
„Lia. Du musst eine Entscheidung treffen. Aber nicht heute. Du hast dreißig Tage.“
„Mattheo hat das gesagt.“
„Wir machen das so: Heute Abend isst du zu Hause. Du schläfst hier. Mattheo bleibt in einem Hotel um die Ecke. Ich schlafe auf deinem Sofa, wenn das okay ist.“
„Mama, das Sofa ist hart.“
„Mhm. Ich hab schon härtere Sofas geschlafen. Morgen früh um zehn fahren wir alle drei zu Mattheos Familie. Reichlin-Hof in Berchtesgaden. Du siehst, wer wir sind. Du siehst die Bibliothek. Du siehst den Klingenkeller. Du redest mit drei alten Frauen, die ich kenne und die du kennen lernen sollst. Du fragst, was du fragen willst. Du musst nichts entscheiden. Du sammelst nur.“
„Berchtesgaden.“
„Ja.“
„Drei Stunden Auto?“
„Zwei Stunden vierzig, wenn man nicht in den Stau kommt.“
„Mama.“
„Ja.“
„Hab ich überhaupt eine Wahl?“
❧
Sie sieht mich an.
„Ja, du hast eine Wahl. Du hast jede Wahl. Ich werde dir niemals raten, eine bestimmte zu treffen. Ich hab mich für aussteigen entschieden, mit einundzwanzig. Ich war jünger als du. Ich war anders als du. Ich hab nicht das gesehen, was du heute gesehen hast – das hab ich nie gesehen, weil bei mir die Linie übersprungen hat. Du hast es. Das ist deine Wahl, nicht meine. Aber: Bevor du wählst, sieh dir alle Optionen an. Das sind wir dir schuldig. Mattheo erklärt dir die eine Seite. Eine Großtante von Mattheo, Petra Reichlin, erklärt dir die andere – sie ist aus dem Beruf rausgegangen, sie wird dir sagen, wie das war. Du wirst beide hören.“
„Petra Reichlin.“
„Ja“, sagt Mattheo. „Petra ist meine Großtante. Sie ist sechsundachtzig. Sie ist… deutlich. Sie wird dir nichts schönreden.“
„Mama.“
„Mhm.“
„Bist du froh, dass das passiert?“
❧
Sie atmet einmal aus, einmal ein.
„Lia. Froh ist das falsche Wort. Erleichtert ist näher. Ich hab seit zwanzig Jahren ein Geheimnis getragen, das mich angefressen hat. Ich konnte's dir nicht sagen, weil es bei dir noch nicht ausgebrochen war. Wir haben eine Regel: Wir sagen niemandem die Wahrheit, der nicht bereit ist, sie zu hören. Du warst nicht bereit. Heute bist du bereit. Heute ist der Tag, an dem wir reden können. Ich bin nicht froh. Ich bin frei.“
Sie sagt das sehr ruhig.
Ich nicke.
❧
Mattheo steht auf.
„Lia. Frau Stern. Ich gehe jetzt.“
„Mattheo.“
„Ja, Lia.“
„Was war der Schnitt am Kinn?“
Er hält kurz inne. Lacht halb.
„Ich hab mich heut Morgen rasiert.“
„Sehr unsicher heut Morgen rasiert.“
„Ich war nervös.“
„Wieso?“
„Weil ich wusste, dass ich heut zu Ihnen komme.“
❧
Er geht zur Tür. Meine Mutter winkt ihm. Er nickt mir zu. Er sagt: „Bis morgen, zehn Uhr.“
„Bis morgen.“
Er ist weg. Die Tür fällt ins Schloss.
Meine Mutter sitzt auf dem Sofa. Sie sieht auf das Buch. Sie steht nicht auf, sie geht nicht zum Buch. Sie atmet einmal tief ein.
„Lia.“
„Ja.“
„Wir essen jetzt was. Du kochst nicht. Wir machen Spiegelei und Brot.“
„Mama.“
„Ja.“
„Ich weiß nicht, was ich machen soll.“
„Ich weiß es auch nicht. Wir reden morgen weiter.“
„Mama.“
„Ja.“
„Bin ich verrückt?“
„Du bist Stern.“
„Was heißt das.“
„Es heißt, du siehst mehr als andere Menschen, Lia. Es heißt nicht, dass du verrückt bist. Es heißt, dass das, was du siehst, real ist, auch wenn andere es nicht sehen können. Nicht alle Realitäten sind sichtbar für alle Augen.“
❧
Ich nicke.
Wir machen Spiegelei. Wir essen Brot mit Butter. Meine Mutter erzählt von Augsburg, von einer Nachbarin, die einen neuen Hund hat, von einer Freundin, die geheiratet hat. Sie redet über die normalen Dinge des Lebens, und ich höre zu, weil ich es brauche.
Bevor ich ins Bett gehe, fragt sie: „Lia.“
„Ja.“
„Hat Mattheo dich angeschaut?“
„Was?“
„Ist er ein netter Mann?“
„Mama.“
„Ich frag nur.“
„Ich kenn ihn seit drei Stunden.“
„Mhm.“
„Mama.“
„Ja.“
„Schläfst du jetzt.“
„Mhm. Auf deinem Sofa.“
„Mhm.“
„Schlaf gut, Lia.“
„Mama.“
„Ja.“
„Hat Reichlin Geschwister, oder?“
❧
Sie lacht, sehr leise.
„Frag morgen.“
„Mhm.“
Ich gehe in mein Bett. Ich liege wach. Ich höre meine Mutter im Wohnzimmer atmen. Ich höre die Heizung. Ich höre kein Summen. Das Buch ist zu.
Ich denke an Klingenkeller. Ich denke an Petra. Ich denke an Mattheo, der heut Morgen nervös rasiert hat.
Ich schlafe um zwei Uhr ein.
Morgen früh ist Berchtesgaden.
Morgen früh ist eine andere Welt.
3. Reichlin-Hof
Mattheo holt uns um zehn Uhr ab.
Er kommt mit einem dunkelgrünen Volvo, der älter ist als ich, und der nicht aussieht, wie ein Auto, in dem man durch eine andere Welt fährt. Mattheo trägt heute keinen Mantel, sondern eine dunkelblaue Steppjacke. Er hat die Haare nass, weil er heute geduscht hat und es kalt ist. Sein Schnitt am Kinn ist verheilt – ich sehe nur noch eine kleine Linie.
Meine Mutter steigt vorne ein. Ich hinten. Ich sitze hinter Mattheo, weil ich's mir so ausgesucht hab, weil ich's nicht erklären will. Mattheo schaut mich kurz im Rückspiegel an, sagt nichts, fährt los.
Wir fahren über die A8. Es ist klar, es ist kalt, fünf Grad. Die Straße ist trocken, weil's seit drei Tagen nicht geschneit hat. Die Autobahn ist nicht voll, weil heute Donnerstag ist.
Meine Mutter und Mattheo reden über Familienkram, den ich nicht ganz folge – eine Tante, die im Sommer geheiratet hat, ein Cousin von Mattheo, der jetzt in Wien lebt, eine Trauerfeier vor zwei Jahren, an die meine Mutter nicht gegangen ist, weil sie krank war. Sie reden, wie zwei Menschen reden, die sich seit zwanzig Jahren kennen.
Ich höre zu.
❧
„Mattheo.“
Er schaut wieder im Rückspiegel.
„Lia.“
„Wie alt sind Sie?“
„Achtundzwanzig.“
„Was machen Sie beruflich? Im normalen Leben?“
„Ich bin Restaurator. Ich arbeite in der Hauptabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek. Mein Spezialgebiet sind Pergamenthandschriften des Hochmittelalters.“
„Auch das?“
„Auch das.“
„Ich… habe Vorlesungen bei Ihrer Abteilung.“
„Ich weiß.“
„Sie wissen?“
„Ich hab vor sechs Wochen einmal hinten gesessen, in einer Vorlesung von Professor Maier. Sie waren in der vierten Reihe. Sie haben einen blauen Pulli getragen. Sie haben einen Kommentar gemacht zu einer mittelalterlichen Goldschrift, der genauer war als der Vorlesungstext. Ich hab mir Notizen gemacht.“
Mein Mund wird trocken.
„Sie sind in meine Vorlesung gekommen?“
„Vor sechs Wochen.“
„Wieso?“
„Weil Ihre Mutter mir geschrieben hat. Schau sie dir mal an, ob du was bemerkst. Ich vertrau dir. Ich hab eine Stunde hinten gesessen. Ich hab bemerkt, dass Sie gut sind. Mehr nicht.“
„Sie haben mir das Buch in die Hand gespielt.“
„Nein. Ich hab Ihnen nicht das Buch in die Hand gespielt. Ich hab Frau Stern bestätigt, dass Sie bereit sein könnten. Sie hat dann Pater Clemens entscheiden lassen.“
„Mama.“
Sie dreht den Kopf. „Ja?“
„Du hast mich… beobachten lassen?“
„Lia. Es ist eine sehr alte Familie. Wir machen das so. Wir haben uns schon getroffen, bevor wir uns vorstellen. Es ist nicht normal – ich weiß. Aber es ist nicht dunkel. Niemand hat dich verfolgt. Niemand hat in deine Wohnung geschaut. Mattheo war eine Stunde in einer öffentlichen Vorlesung.“
„Mh.“
❧
Wir fahren weiter. Ich schaue aus dem Fenster. Der Chiemsee zieht vorbei, dann Bad Reichenhall, dann die ersten richtigen Berge – die Untersberg-Kette, die Hochkalter, der Watzmann von der Seite. Es ist eine Landschaft, die ich kenne, weil ich als Kind Skifahren gelernt hab. Aber heut sieht sie anders aus.
Heut sehe ich… unter der Landschaft.
Ich erkläre's mir kaum. Es ist, als hätte sie eine Schicht mehr. Wo der Berg ist, ist auch etwas, was nicht der Berg ist. Eine zweite Form, die durch den Berg durchscheint, ohne ihn zu ersetzen. Wenn ich genau hinschaue, sehe ich's nicht. Wenn ich knapp daneben schaue, ist's da.
„Lia.“
Mattheo, im Rückspiegel.
„Ja.“
„Sie sehen die Berge anders, oder?“
„Wie wissen Sie's?“
„Ihr Atem hat sich geändert.“
„Ich seh… eine zweite Schicht.“
„Ja. Das ist normal nach einer Aktivierung. Es ist die Welt darunter, die durchscheint. Sie sehen nicht direkt rein. Sie sehen nur den Schatten. Es wird verschwinden, in den nächsten Tagen, wenn wir nichts tun. Es wird sich stabilisieren, wenn wir die Aktivierung pflegen. Es wird wegfallen, wenn wir das Buch deaktivieren.“
„Verschwinden, weil ich es kann?“
„Verschwinden, weil das Sehen flüchtig ist nach einer einmaligen Aktivierung. Es kommt zurück, wenn ein Wahrer die Schule durchläuft. Aber vor der Schule ist es ein Echo, kein eigenes Sehen.“
„Schule.“
„Ja. Im Reichlin-Hof gibt es eine kleine Schule. Wenn Sie sich entscheiden, wäre das der erste Schritt. Drei Wochen Grundlagen. Sie würden dort wohnen. Sie würden mit drei anderen Schülerinnen lernen. Eine ist aus einer entfernten Stern-Nebenlinie, Sie kennen sie nicht. Und Sie haben in der Stern-Linie eine zweite Cousine, sie heißt Marlene – sie hat die Schule schon hinter sich. Eine ist aus Holst. Eine ist aus einer Linie, die wir vor zwei Jahren wiedergefunden haben – Bratschenmaier, eine alte Linie, die fast ausgestorben war. Drei junge Frauen, eine erfahrene Lehrerin. Drei Wochen.“
„Marlene.“
„Ja.“
„Eine Cousine, von der ich nichts weiß.“
„Sie kennen sie nicht. Sie ist sechsundzwanzig. Sie hat in Augsburg studiert, dann Stuttgart, jetzt arbeitet sie als Konservatorin in Weilheim. Sie ist aktiviert seit drei Jahren, durch eine andere Begegnung. Sie ist Wahrerin, aber im aktiven Sinn – sie liest, sie schreibt, sie pflegt. Sie freut sich, Sie kennenzulernen. Sie weiß seit gestern, dass ihre zweite Cousine aktiviert ist.“
❧
Wir fahren von der Autobahn ab. Wir sind kurz vor Berchtesgaden. Wir nehmen eine kleine Straße, die in die Berge geht, vorbei an einem kleinen See, dann an einer Kirche, dann an einem Gehöft. Ich sehe, wie meine Mutter die Hände auf den Beinen entspannt, weil sie hier öfter war.
„Du warst hier?“, frage ich.
„Ja, Lia.“
„Wie oft.“
„Ich war früher öfter da. Mit deiner Großmutter, als du Kind warst. Dein Vater wusste's nicht. Er weiß's heute nicht. Ich werd's ihm erzählen, irgendwann, wenn du entschieden hast.“
„Mh.“
❧
Wir kommen am Reichlin-Hof an.
Es ist kein Hof in dem Sinn, in dem ich's erwartet hatte. Es ist kein Bauernhof. Es ist ein altes, langgestrecktes Bergsteinhaus, mit einem Schindeldach, mit drei Stockwerken, mit einem Hauptgebäude und zwei Nebengebäuden, die durch überdachte Gänge verbunden sind. Es liegt am Hang, mit Blick auf einen kleinen See, den ich nicht kenne, der ungefähr so groß ist wie der Tegernsee in der Mitte. Hinten steht ein Wald. Es schaut aus, als wäre es im 17. Jahrhundert gebaut und seitdem nicht groß verändert.
„Das ist?“
„Reichlin-Hof, ja“, sagt Mattheo. „Ursprünglich aus dem Jahr 1612, mit einem Vorgängerbau, der bis 1390 zurückgeht. Wir haben hier die Bibliothek, die Schule, die Verwaltung.“
„Wie viele Menschen wohnen hier?“
„Zur Zeit acht. Petra, drei ältere Cousinen, zwei meiner Onkel, ein Kollege aus Holst, der Bibliothekar ist. Plus die Schülerinnen, wenn die Schule läuft. Und manchmal Gäste.“
„Und Sie?“
„Ich wohne hier nicht permanent. Ich hab eine Wohnung in München, weil meine Hauptarbeit dort ist. Aber ich komm regelmäßig.“
❧
Wir parken vor dem Haupteingang. Eine ältere Frau steht in der offenen Tür. Sie ist schlank, schwarz gekleidet, mit weißem Haar, das zu einem Knoten gebunden ist. Sie hat eine sehr aufrechte Haltung. Sie ist eine Frau, die keine Höflichkeitsfloskeln macht.
„Petra“, sagt Mattheo, als wir ausgestiegen sind.
„Mattheo. Anna.“ Sie nickt meiner Mutter zu. Dann mir. „Lia.“
„Tante Petra“, sagt meine Mutter. Sie umarmt Petra, die das nur mit einer Hand tut. Petra ist nicht-umarmig.
Petra schaut mich an. Lange.
„Du hast die Augen deiner Großmutter“, sagt sie. „Marie hatte genau diese Augen. Ich hab seit dreißig Jahren diese Augen nicht mehr gesehen.“
„Mhm.“
„Komm rein.“
Sie geht voran. Wir folgen.
❧
Die Eingangshalle ist niedrig, mit einer Holzdecke, die mit großen Balken durchzogen ist. Eine alte Standuhr tickt. Auf einem Tisch stehen drei Vasen mit einer Pflanze, die ich nicht kenne – ein Kraut, dunkelgrün, in dünnen Stängeln. Es riecht nach Wachs, nach Holz, nach einem Feuer, das im Kamin glüht.
Petra führt uns in einen Raum links neben der Halle. Es ist eine Bibliothek. Nicht so groß wie die in Andechs, aber dicht: drei Wände voll, vom Boden bis zur Decke, alles Holz, alles Bücher. In der Mitte ein langer Tisch. An einer Stirnseite ein Kamin, der angefeuert ist.
Petra setzt sich an den Tisch. Wir setzen uns ihr gegenüber. Mattheo nimmt am Ende Platz, leicht abseits.
„Lia.“
„Tante Petra.“
„Sag Petra, ich bin nicht deine Tante. Ich bin Mattheos Großtante. Wir sind nicht direkt verwandt, du und ich, nur ungefähr.“
„Petra.“
„Mattheo hat dir das Wesentliche gesagt. Anna hat dir das Wesentliche gesagt. Du hast eine Entscheidung zu treffen. Ich werde dir die Sache aus meiner Sicht zeigen, damit du eine vollständige Sicht hast.“
Sie atmet einmal aus, schaut auf ihre Hände.
❧
„Ich war Wahrerin von achtzehn bis siebenundvierzig. Ich bin mit siebenundvierzig ausgestiegen. Mein Mann hat sich umgebracht, als er einundsiebzig war, weil er drei Dinge gleichzeitig wusste, die er nicht hätte wissen sollen. Eines davon hat mit einem Buch zu tun, das wir nicht rechtzeitig deaktiviert haben. Mein Mann war kein Wahrer – er war ein Mensch aus dem normalen Leben, den ich geheiratet habe, weil ich's nicht ausgehalten hab, allein zu sein. Ich hab ihm zu viel erzählt. Es hat ihn umgebracht. Nicht über Nacht, langsam, ein Stück nach dem anderen. Ich bin ausgestiegen, weil ich ihn überleben musste. Ich hab den Beruf hinter mir gelassen, weil mein Schmerz größer war als meine Pflicht.“
Sie spricht ruhig.
„Wenn du dich entscheidest, eine Wahrerin zu werden, lebst du ein Leben, das dir keinen normalen Partner erlauben wird. Wahrer-Frauen und Wahrer-Männer können sich miteinander binden. Das funktioniert. Wahrer-Frauen, die einen Nicht-Wahrer-Partner haben, funktionieren bis zu einem Punkt. Wahrer-Männer mit Nicht-Wahrer-Partnerinnen funktionieren auch – meistens, aber nicht immer. Es ist statistisch heikel. Die Wahrer-Welt zwingt Geheimhaltung. Geheimhaltung tötet Beziehungen, früher oder später. Du wirst lernen, gut zu lügen. Du wirst es satt haben. Du wirst dich isolieren, ohne dass du's merkst. Du wirst Menschen verlieren.“
Sie hält inne. Trinkt aus einer Tasse, die ich vorher nicht bemerkt hab.
„Auf der anderen Seite: Du hast eine Aufgabe, die seit zwölf Jahrhunderten besteht. Du gehörst zu einer Familie, die du nicht abwählen kannst. Du hast Kollegen, die dich verstehen. Du hast Wissen, das nirgendwo sonst zu finden ist. Du hast Bücher, die nur du und sechs andere lesen können. Du bist Teil einer Geschichte, die größer ist als du. Wenn du das brauchst, dann ist's das richtige Leben. Wenn du das nicht brauchst, ist's das falsche.“
❧
„Petra.“
„Lia.“
„Wieso bist du… gegen es?“
„Ich bin nicht gegen es. Ich bin gegen Kindheitsfantasien, in die junge Frauen mit zweiundzwanzig hineinrennen, weil das Wort Magie nett klingt. Ich bin gegen romantische Bilder von alten Familien. Ich bin gegen die Vorstellung, dass es cool ist, eine Wahrerin zu sein. Es ist nicht cool. Es ist Arbeit. Es ist Verzicht. Es ist eine Aufgabe, die im Privaten beginnt und das Privatleben frisst, bis du nichts mehr hast außer der Aufgabe. Wenn du die Aufgabe brauchst, wenn du ohne die Aufgabe nicht atmen kannst, ja. Wenn nicht – bleib raus.“
„Mh.“
„Stell mir Fragen.“
❧
Ich denke einen Moment.
„Wer hat deinem Mann das erzählt, was er nicht erfahren sollte?“
„Mein Mann hat das nicht. Ich hab's ihm erzählt. In Schritten. Er hat gefragt. Ich hab geantwortet. Er hat begriffen. Es hat ihn vergiftet.“
„Wenn ich aussteige – geht das wirklich?“
„Es geht. Wir haben Mittel. Wir können dich an die Migräne-Erklärung zurückführen. Du würdest nicht alles vergessen – niemand vergisst alles. Du würdest die Schärfe verlieren. Du würdest weiter Klosterbibliotheken untersuchen, ohne sie zu sehen. Du würdest ein gutes Leben haben. Manche, die ausgestiegen sind, sagen, es war die richtige Entscheidung. Manche bereuen's. Es ist sehr persönlich.“
„Wie alt warst du, als du ausgestiegen bist?“
„Siebenundvierzig.“
„Du warst lange dabei.“
„Ja. Ich war es.“
„Hast du einen Beruf gehabt, außerhalb?“
„Ich war Restauratorin. Wie Mattheo. Wir haben das oft, weil Restaurierung zu unseren Aufgaben passt.“
„Was machst du heute?“
„Ich schreibe. Ein Buch über Rom, kein Wahrer-Buch. Ein Buch über die antike Stadt. Ich war zwölf Jahre als Stipendiatin in Rom, nach meinem Ausstieg.“
„Du bist nicht raus, du bist nur raus aus dem Kloster.“
❧
Sie lacht.
„Vielleicht. Vielleicht hast du recht. Lia, du bist klug. Mattheo hat das gesagt, und Mattheo lügt nicht. Du bist klug auf eine Weise, die unangenehm ist, weil sie sich nicht beirren lässt. Das ist gut. Das ist auch riskant.“
„Wie?“
„Du wirst sehen, was wir nicht wollen, dass du siehst. In jeder Familie gibt es Schubladen. In unserer Familie gibt es alte Schubladen. Wir sind nicht heilig. Wir haben Fehler gemacht. Du wirst sie finden. Ich sag dir das jetzt schon, weil ich's an deiner Stelle wissen wollte. Wir haben eine alte Linie, in der nicht jede Geschichte sauber ist.“
„Welche Geschichte ist nicht sauber?“
„Die mit deiner Großmutter.“
❧
Mein Magen sackt.
„Mit meiner Großmutter?“
„Lia, das werd ich dir heut nicht erzählen. Heut ist nicht der Tag dafür. Aber ich sage dir, dass du fragen darfst. Ich werde dir die Antwort geben, wenn du fragst. Ich werde dich nicht schonen, wenn du fragst. Du fragst, du kriegst die Antwort. Vielleicht morgen. Vielleicht in zwei Wochen.“
„Ja.“
„Mehr Fragen?“
❧
Ich denke. Ich frage:
„Wie sieht die andere Welt aus?“
„Dafür musst du in den Klingenkeller. Mattheo zeigt ihn dir gleich.“
„Sieht man sie dort?“
„Man sieht sie durch eine Tür. Eine geschlossene Tür. Mit der Möglichkeit, die andere Seite zu hören, wenn die Tür gestimmt ist. Niemand öffnet diese Tür. Die Holst sind die einzigen, die mit der anderen Seite verhandeln dürfen, und sie machen es alle dreißig Jahre, an einer anderen Tür, in Murnau.“
„Wer lebt da?“
„Anders als wir. Weniger materiell, aber nicht weniger körperlich. Sie haben keine Knochen wie wir, sie haben eine andere Skelettstruktur. Sie haben Sprache, eine, die in ihrer Eigenform schwer zu übersetzen ist. Sie haben eine Politik, die auf langen Zeiträumen aufgebaut ist, weil ihre durchschnittliche Lebenserwartung dreihundert Jahre ist. Sie sind nicht Geister. Sie sind kein Volk aus Märchen. Sie sind ein paralleles Volk, das man missverstanden hat als alle möglichen Mythenfiguren – Elben, Trolle, Feen. Solche Geschichten sind Echos.“
„Und der Riss?“
„Der Riss ist eine sehr alte Bruchstelle in der Membran zwischen unseren Welten. Vor etwa fünftausend Jahren ist hier etwas passiert, das die Membran an einer Stelle dünn gemacht hat. Wir Wahrer halten diese Stelle dünn, aber nicht durchlässig. Wenn die Stelle reißt, gehen Dinge durch, die nicht durchgehen sollen. Auf beiden Seiten. Es wäre nicht das Ende der Welt – die Welt ist hart, sie überlebt vieles. Aber sie würde sich verändern. Niemand will, dass sie sich verändert.“
❧
Ich nicke.
„Ich… ich brauch eine Pause.“
Petra lächelt.
„Selbstverständlich. Mattheo, zeig ihr das Haus. Anna, du bleibst kurz bei mir, wir trinken einen Tee. Lia, du nimmst dir die Zeit, die du brauchst.“
❧
Mattheo führt mich raus.
Wir gehen den überdachten Gang entlang, ins östliche Nebengebäude. Er zeigt mir die Schlafräume der Schülerinnen – sie sind klein, einfach, mit einem Bett, einem Schreibtisch, einem Stuhl. Er zeigt mir die Lese-Halle – einen mittelgroßen Raum mit drei Tischen, an denen vier Frauen still arbeiten. Sie blicken auf, nicken mir zu, lesen weiter. Eine ist vielleicht fünfundzwanzig, eine vierzig, eine sechzig, eine achtzig.
Er zeigt mir die Apotheke – einen kleinen Raum mit Glasflaschen, alle beschriftet, in einer Schrift, die ich nicht lesen kann. „Hier mischen wir Tinten und kleine Salben, die wir brauchen, um Bücher zu pflegen. Nichts Schwarzmagisches. Nichts Esoterisches. Es sind alte Rezepte, mit handelsüblichen Materialien, wenn man weiß, wo man sie kauft.“
Er zeigt mir die Küche – modern, edelstahl, hell.
Er zeigt mir den Klingenkeller nicht. Er sagt: „Den zeig ich Ihnen heut Nachmittag, wenn Sie das wollen. Petra wird mit dabei sein. Es ist die Tür, die gestimmt ist. Sie ist nicht gefährlich, aber sie ist… nicht ohne Begleitung.“
Wir gehen am Klingenkeller vorbei. Eine Tür, dunkles Holz, mit Eisenbeschlägen, mit einem Schloss aus drei Schlüssellöchern. Wir gehen weiter.
❧
Im Garten ist es kalt. Wir gehen einmal außen rum. Der Hof ist groß, der Garten dahinter, dann ein kleiner Apfelhang, der jetzt im Februar leer ist.
„Mattheo.“
„Lia.“
„Wieso haben Sie sich gestern Morgen unsicher rasiert?“
Er hält inne.
„Wirklich, Lia?“
„Wirklich.“
„Weil ich… mich auf Sie freue. Auf Sie zu treffen. Heute. In Ihrer Wohnung. Ich hab seit Mittwoch nicht geschlafen.“
„Mh.“
„Das ist nicht professionell. Ich weiß.“
„Was war's denn dann?“
„Ich hab die Schülerin in Ihrer Vorlesung gesehen, und ich hab sie nicht vergessen. Ich war dann dort, weil mich der Vortrag interessiert hat. Ich war's nicht beauftragt. Ich hab Ihre Mutter angerufen und gesagt, ich war drin, sie ist gut, sie ist bereit. Ihre Mutter hat geantwortet wann?. Ich hab gesagt: bald. Ich hab nicht gewusst, dass bald heißt: gestern. Ich hab eine zweite Tasche gepackt, am Mittwoch. Gestern Morgen hab ich mich rasiert, weil ich eine halbe Stunde später los wollte, und ich war nicht ganz da.“
„Mattheo.“
„Ja.“
„Sie sind sehr direkt.“
„Ich kann's nicht anders. Wenn ich im Lia-Sein und im Mattheo-Sein gleichzeitig anfangen wollte, müsste ich lügen. Ich kann nicht beides ohne Lüge halten. Also lass ich das Lügen.“
„Mhm.“
❧
Wir gehen weiter. Der Weg führt zum kleinen See. Wir gehen ans Ufer. Es ist Eis am Ufer, eine dünne Schicht, die zwei Meter rausreicht. Hinten ist's offen.
Mattheo bleibt stehen.
„Lia.“
„Ja.“
„Ich sag das nicht oft. Aber: Ich freu mich, dass Sie mit mir hier sind.“
„Mh.“
„Mh?“
„Sag du.“
Er lacht.
„Ja, gut.“
„Du.“
„Du.“
„Du, Lia, willst du mit mir um den See laufen?“
„Du, Mattheo, ja.“
❧
Wir gehen einmal um den See, der etwas größer ist, als ich gedacht hab. Etwa dreißig Minuten. Wir reden Dinge, die nicht Wahrer sind. Über München. Über seine Wohnung. Über sein Buchprojekt, das er für die Reichlin-Stiftung schreibt, über die Restaurierung mittelalterlicher Tinte. Er ist gut, wenn er über Tinte spricht. Sein Gesicht wird offen.
Auf dem Rückweg, etwa hundert Meter vor dem Hof, bleibt er stehen.
„Lia.“
„Ja.“
„Wir haben eine Stunde, bevor wir in den Klingenkeller gehen. Willst du eine Stunde Schlaf? Ich hab ein Zimmer für dich vorbereiten lassen. Es ist ruhig.“
„Ja.“
„Komm.“
❧
Das Zimmer ist klein, hat ein Bett, einen Stuhl, ein Fenster, das auf den See geht. Ich lege mich hin. Mattheo bleibt im Türrahmen stehen.
„Lia.“
„Mh.“
„In einer Stunde hol ich dich ab. Wenn du dann nicht in den Klingenkeller willst, gehen wir nicht. Verstehst du?“
„Ja.“
„Schlaf.“
Er schließt die Tür leise.
Ich schlafe.
Ich schlafe sehr fest, eine Stunde lang, ohne zu träumen.
Als ich aufwache, ist die Sonne tiefer, der See goldener, und ich bin bereit für eine Tür mit drei Schlüssellöchern.