1. Tag eins
Es ist halb drei am Nachmittag, als ich von Bari runter ans Haus rolle, und ich weiß sofort, dass etwas anders ist.
Das Tor steht weiter offen als sonst. Das Tor von der Villa Pinella steht im dritten Sommer in Folge offen, weil es ein altes, verzogenes Holztor ist, das man eigentlich nur einmal pro Saison schließen kann, vom August bis September, wenn die Leute weg sind. Wir lassen es immer offen. Was anders ist: Es steht weiter offen als sonst. Eine Lücke, durch die man mit Gepäck zu zweit nebeneinander durchgeht.
Lina hat das so gemacht. Sie hat das Tor weit aufgeschoben, weil sie heut Mittag mit einem Mietwagen-Bus angekommen ist und vier Leute mit Kühlboxen entladen hat. Lina ist meine beste Freundin seit dem dritten Semester. Lina ist die, die jedes Jahr das Haus reserviert, die Listen schreibt, die Aufgaben verteilt. Lina ist es auch, die mir vor zwei Wochen geschrieben hat: Mia, kurze Sache: Jonah kommt allein. Anna kommt nicht. Reden wir, wenn du da bist.
Das Reden wir, wenn du da bist hat in mir genau eine Sache gemacht. Eine, die ich noch nicht klassifizieren konnte. Sie war nicht Erleichterung, weil ich Anna mag, ich mag sie wirklich, sie ist klug und ein bisschen kalt, und sie hat sich noch nie ungerecht gegen mich verhalten. Es war auch nicht Triumph, weil ich nicht der Mensch bin, der über die Trennung anderer triumphiert. Es war eine Art Schwindel. Ich hab das Handy weggelegt und drei Mal hintereinander tief geatmet, und dann hab ich Lina einen Daumen hoch geschickt und nichts dazu, weil mehr nicht passte.
Das ist zwei Wochen her. Heute ist Tag eins.
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Ich parke den Fiat unter den Pinien. Der Boden hier ist sandig und mit langen, trockenen Nadeln bedeckt, die man im April nie ganz wegrechen kann, sodass das Auto aussieht, als hätte es einen Baum geknutscht. Ich steige aus. Es riecht nach Pinie, nach Salz, nach dem kleinen Brand, den der Nachbar im Olivenhain immer gerade erst gelöscht hat, weil er behauptet, das hilft gegen Schädlinge. Es ist warm. Achtundzwanzig Grad, sagt mein Wagen-Thermometer. Es fühlt sich heißer an, weil die Luft dick ist von Salz.
Ich höre Lachen aus dem Innenhof. Sechs Stimmen, glaube ich. Lina, die immer die lauteste ist. Ben, der ein dunkles, kratziges Lachen hat, das man aus zehn Meter Entfernung erkennt. Tessa, die erst im April aus dem Mutterschutz raus ist und ohne Kind heute hier ist, weil die Kleine bei Bens Eltern ist. Cem, mein WG-Mitbewohner aus dem dritten Semester, der nach Berlin gezogen ist und der nur kommt, weil Lina ihm jährlich ein Bier verspricht. Nora, die seit zwei Sommern Lina-Plus-Eins ist, und die mittlerweile ein eigenes Häkchen auf der Liste hat. Und –
Jonah.
Sein Lachen erkenne ich nicht aus zehn Metern, ich erkenne es schon aus dreißig.
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Ich nehme die Reisetasche aus dem Kofferraum und gehe um die Hecke herum. Die Stimmen werden lauter. Ich sehe sie alle, am Holztisch unter dem Pinienbaum, im Schatten, sechs Köpfe, sechs Gläser, sechs Hüte oder keine Hüte. Lina sieht mich zuerst.
„MIA!“
Sie springt auf. Sie kommt mir entgegen, drei Schritte, hängt sich um meinen Hals, riecht nach Sonnencreme und Olivenseife.
„Du Idiotin, du hast keine Nachricht geschickt“, sagt sie.
„Hab ich doch.“
„Doch. Stimmt. Bin gleich da. Vor anderthalb Stunden. Wir dachten schon, du bist unter einem LKW.“
„Ich war im Stau.“
„Sì, sì. Du warst im Stau.“
Sie nimmt mir die Tasche ab. Ich gebe sie ihr, weil sie keine Diskussion zulässt. Sie geht voran, ich folge. Ich gehe an den Tisch. Vier Köpfe drehen sich. Cem ruft Frau Kollegin!, Ben hebt sein Glas, Tessa pfeift, Nora winkt mit beiden Händen.
Jonah steht auf.
Er steht von der Bank auf, nicht hektisch, nicht langsam, einfach. Sein Stuhl ruckelt zurück. Er hat ein weißes T-Shirt an, das er in Sommer eins schon angehabt hat, das jetzt drei Sommer alt ist, das jetzt eher cremefarben ist. Er hat eine Sonnenbrille im Haar, die er in den drei Jahren immer im Haar hat. Er hat braune Haut, weil er vorgestern angekommen ist und schon zweimal am Strand war, das sehe ich auf einen Blick.
„Hey“, sagt er.
„Hey.“
Wir stehen voreinander. Eine halbe Sekunde zu lange. Lina schaut. Sie schaut nicht direkt, sie schaut über die Schulter hinweg, mit einem Blick, der so beiläufig ist wie ein gut geschnittener Falke.
Jonah legt seine Hand kurz an meinen Oberarm. Eine Begrüßung. Er beugt sich nicht vor, ich beuge mich nicht vor, wir machen das nicht, dafür kennen wir uns zu lang. Wir umarmen uns nicht, weil wir's gestern auch nicht getan hätten. Aber sein Daumen drückt einmal kurz über dem Ärmelsaum. Es ist die Art, wie er seine Mutter begrüßt: eine kleine Geste, die einen ganzen Satz ersetzt.
„Schön, dass du da bist“, sagt er.
„Schön, dass du da bist.“
Er lächelt schief. Er weiß, dass ich nicht weiß, ob ich das so sagen darf. Er nickt, setzt sich wieder. Lina drückt mir ein Glas Weißwein in die Hand. Es ist Vermentino, kalt. Es ist fünfzehn Uhr fünfunddreißig. Wir sind noch keine zwei Stunden zusammen, und ich trinke schon Weißwein. Das ist gut.
❧
Ich lasse die Tasche im Innenhof liegen. Ich werde sie später aufs Zimmer bringen. Wenn man drei Sommer lang hier war, weiß man, dass später hier ein bewegliches Wort ist, das mit Wein zu tun hat.
„Wo schlaf ich?“, frage ich Lina.
„Oben links. Wie immer.“
„Wer ist oben rechts?“
„Jonah.“
Es ist ein nüchterner Satz, ohne Augenrollen, ohne Ton. Lina sagt das so, als wäre es eine Frage der Geometrie, nicht der Biographie. Jonah und ich haben in Sommer eins links und rechts der oberen Etage gewohnt, weil wir die einzigen waren, die früh aufstehen, und unsere Zimmer das Bad teilen. In Sommer zwei haben wir's anders gemacht, weil Anna mit war, und Jonah und Anna haben unten in der großen Suite geschlafen. In Sommer drei sind wir wieder bei Sommer eins.
„Bad teilen wir wieder?“
„Wie immer.“
„Okay.“
Ich nehme einen Schluck Wein. Cem fragt mich nach meinem Job. Ich sage: Es geht. Tessa fragt mich nach meiner Mutter. Ich sage: Hat sich mal wieder operieren lassen, ist aber okay. Ben fragt mich, ob ich neuen Freund hab. Ich sage: Nein, Ben, hab ich nicht, magst du noch fragen? Ben lacht. Es ist eine alte Routine.
Jonah fragt nichts.
Ich registriere das. Ich registriere es genauer, als ich's wollen würde. Jonah trinkt seinen Wein. Schaut auf die Pinien. Lacht über etwas, das Cem sagt. Er ist da. Er ist nicht weg. Er fragt nichts, weil er weiß, dass ich heute nichts erzählen will, was er nicht sowieso wüsste.
❧
Wir essen abends spät, neun Uhr, weil das die Italiener so machen und weil wir uns angewöhnt haben, italienisch zu essen, wenn wir in Italien sind. Lina hat ein riesiges Blech mit Auberginen-Auflauf gemacht. Tessa hat einen Salat, der mehr Olivenöl als Salat ist. Nora hat Brot vom kleinen Bäcker im Dorf geholt. Cem hat zwei Flaschen Negroamaro mitgebracht, die er stolz öffnet, weil sie ihn zwölf Euro gekostet haben, behauptet er, in Wirklichkeit hat er fünf bezahlt, was wir alle wissen. Ben singt italienische Schlager auf Deutsch, was er erst kann, seit Tessa ihm eine Übersetzungs-Liste in die Hand gedrückt hat.
Jonah sitzt mir gegenüber. Genau gegenüber. Lina hat das so gemacht. Sie hat einen Plan. Lina hat immer einen Plan.
Es ist keine grobe Sache. Sie hat ihn nicht extra gegenübergesetzt, weil sie was provozieren will. Sie hat ihn gegenübergesetzt, weil sie dieses Augenrollen von uns nicht mehr sehen will, das wir uns angewöhnt haben, wenn wir an einem Tisch sitzen mit drei Paaren. Sie sagt: Ich hab keine Lust auf eure Comedy-Show, ihr setzt euch heut gegenüber, fertig.
Jonah sieht mich.
Wir schauen uns über das Auberginenblech hinweg an. Seine Augen sind anders, als ich sie mir gemerkt habe. Heller. Vielleicht ist es das Salz. Vielleicht ist es Anna-weniger. Ich weiß es nicht.
„Du hast aufgehört zu rauchen?“, frage ich.
„Wieso?“
„Du hast keine Schachtel auf dem Tisch.“
„Hab letztes Jahr aufgehört.“
„Letztes Jahr.“
„November.“
„Glückwunsch.“
„Danke.“
Er trinkt einen Schluck Wein. Lina schaut nicht.
❧
Nach dem Essen sitzen wir lange. Bei uns ist das immer so. Drei Sommer in Folge sitzen wir hier, fünf bis sechs Stunden, ohne aufzustehen, außer um Wein zu holen oder aufs Klo zu gehen. Heute geht Lina früh ins Bett, weil sie auf der Fahrt schon erschöpft war. Tessa und Ben verschwinden eine Stunde später, sie haben das Loft ganz oben, sie schlafen schlecht, wenn sie spät sind. Nora ist mit Lina gegangen. Cem schläft am Tisch ein, mit dem Kopf auf den Armen, was er drei Sommer in Folge tut, wenn er Negroamaro trinkt.
Bleiben Jonah und ich.
Er steht auf.
„Ich bring den ins Bett“, sagt er. Er meint Cem.
„Ich helf.“
Wir bringen Cem zur Couch im Esszimmer, die unsere Tradition für Cem ist, weil Cem die Treppen nicht mehr ins zweite Stockwerk schafft, wenn er getrunken hat. Wir schmeißen ihm eine Decke über. Er schnarcht schon.
Wir gehen zurück in den Innenhof. Räumen den Tisch. Er stapelt die Teller, ich nehme die Gläser. Die Küche ist klein. Wir machen es schweigend, weil wir's seit drei Sommern schweigend machen.
Beim letzten Glas streifen sich unsere Hände am Wasserhahn.
Drei-mal-eine-Sekunde.
Es ist nichts. Es ist alles.
„Mia.“
„Mhm.“
„Können wir morgen früh schwimmen gehen? Sechs?“
„Sechs ist viel.“
„Halb sieben.“
„Halb sieben.“
„Und?“
„Und nichts. Halb sieben.“
Er grinst. Er trocknet sich die Hände am Geschirrtuch ab. Er hängt das Geschirrtuch über die Stuhllehne. Er geht zur Treppe. Er bleibt auf der ersten Stufe stehen.
„Mia.“
„Mhm.“
„Schön, dass du da bist.“
„Hattest du schon gesagt.“
„Ja.“
„Sag's nicht zu oft.“
„Ich sag's so oft, wie's stimmt.“
Er geht die Treppe hoch. Ich höre ihn oben das Bad benutzen. Ich höre die Tür von Zimmer rechts. Dann nichts.
Ich sitze noch zehn Minuten im Innenhof. Trinke meinen Wein aus. Schaue in die Zikaden.
❧
Auf meinem Zimmer mache ich nicht das große Licht. Ich mache nur die Lampe auf der Kommode an. Ich kenne das Zimmer. Es hat einen Kleiderschrank, der schief steht, weil der Boden uneben ist. Ein Bett, das immer ein bisschen knirscht. Ein Fenster, das aufs Meer geht, wenn man die Klappe öffnet. Ich öffne die Klappe. Das Meer ist eine Linie aus Schwarz. Hinter der Linie ist der Himmel, der am Tag dunkler ist, der jetzt heller ist.
Ich höre Wasser im Bad nebenan.
Ich höre, wie er sich die Zähne putzt.
Ich kenne dieses Geräusch. Ich hab's in Sommer eins jeden Abend durch diese Wand gehört. In Sommer zwei hab ich's nicht gehört, weil Jonah mit Anna unten in der Suite wohnte, und ich hab mir nicht eingestanden, dass mir was gefehlt hat. Heut, in Sommer drei, denke ich nichts. Ich höre nur einen Mann sich die Zähne putzen, der seinen Job mit ordentlich gemachten Bewegungen macht.
Ich putze meine Zähne auch. Im Bad gleichzeitig mit ihm.
Wir machen das, ohne dass wir uns sehen. Ich höre seine Bürste, ich höre meine. Wir haben das in Sommer eins schon gemacht. Es ist eine geteilte Choreografie. Wir spülen, wir sprühen das Bad mit kaltem Wasser ab, wie man das in dem Bad mit den schwarzen Fliesen macht, weil es nur eine Brause hat und kein Glas.
Wir gehen aus dem Bad, jeder durch seine Tür.
Ich liege im Bett. Ich höre ihn liegen.
Ich höre ihn sich umdrehen. Eine, zwei Mal.
Dann nichts.
Ich liege wach.
❧
Ich denke nicht. Ich denke gerade nicht.
Ich denke die Sätze nicht, die ich seit zwei Wochen schon dachte. Anna ist weg. Jonah ist allein. Vielleicht ist das die Saison, in der ich ihm sage, was ich seit acht Jahren nicht sage.
Heute Nacht denke ich nichts.
Heute Nacht höre ich nur, wie das Meer drüben rauscht, wie die Zikaden eine Stufe leiser werden, wie der Olivenhain knarrt. Ich höre, wie Cem unten lacht, im Schlaf, sehr kurz. Ich höre, wie irgendwo im Dorf eine Tür zuschlägt. Ich höre, wie meine eigene Atmung einen Schritt langsamer wird.
Ich höre Jonah, der ein paar Sekunden husten muss und dann nicht mehr.
❧
Wir sind sechs Köpfe in einer Villa, die Lina seit drei Jahren reserviert. Wir sind sieben, wenn man Cem auf der Couch dazuzählt, sieben, wenn man Anna nicht-mit-zählt. Wir sind sechs.
Wir sind zwei.
Ich schlafe um halb drei ein, glaube ich, vielleicht früher. Ich erinnere mich an einen Moment, in dem das Meer einmal lauter wurde, weil der Wind drehte. Dann nichts.
Halb sieben weckt mich der Wecker.
Ich höre ihn zur gleichen Zeit nebenan den Wecker abstellen.
Ich stehe auf.
Tag zwei kommt schneller, als ich erwartet hab.
Kapitel 2
Bekannte Geräusche
2. Bekannte Geräusche
Sechs Uhr fünfzig am Strand.
Wir gehen den Pfad runter, der zwischen den niedrigen Pinien durchläuft, mit jenem trockenen Geräusch unter den Füßen, das nur Pinien-Pfade haben. Niemand redet. Wir reden morgens nie. Das war von Anfang an so. In Sommer eins hat er das gesagt: Mia, ich rede nichts vor Kaffee, und ich hab gesagt: gut, weil ich auch nichts rede, und seitdem reden wir morgens nichts.
Er trägt den Beutel mit den Handtüchern. Ich trage die zweite Wasserflasche. Wir gehen nebeneinander, ohne dass wir's koordiniert hätten. Wenn er einen Schritt schneller ist, mache ich einen Schritt schneller, ohne nachzudenken.
Der Strand ist leer. Kurz vor sieben ist hier wie kurz vor sieben überall – die ersten Fischer sind raus, die Touristen schlafen, die Hunde sind noch zu Hause. Es ist klar, weil Apulien fast immer klar ist. Das Meer ist ruhig. Es liegt da wie ein Glas, das man auf einen Tisch gestellt hat, der eben ist.
Wir legen die Sachen am gewohnten Stein ab. Den gewohnten Stein gibt es seit Sommer eins. Es ist ein flacher Felsen, der einen Naturschatten wirft, weil eine kleine Pinie hinter ihm steht. Er trägt das alte Gummiband, das ich vor drei Jahren um ihn gewickelt hab, weil ich zwischendurch mein Handtuch festklemmen wollte. Es ist immer noch da.
Ich ziehe den Pulli aus. Ich habe den Bikini drunter. Er zieht sein T-Shirt aus, schmeißt es auf den Stein, behält die Badehose an, die schon an war, weil er wie ich morgens die Badehose unter dem Schlafanzug trägt, weil das schneller ist.
„Erst rein, dann reden“, sagt er.
„Wie immer.“
❧
Das Wasser ist kühler, als ich's mir gemerkt hatte. Mai-Wasser, sagt mein Vater, ist ein Test, kein Vergnügen. Mein Vater fährt mit meiner Mutter nach Sylt. Mein Vater versteht nichts vom Mittelmeer. Aber er hat recht. Das Wasser ist auch im Juni noch ein Test. Ich gehe drei Schritte rein, halte mir kurz den Bauch, weil mein Bauch immer denkt, er sei mir wichtig, dann gehe ich weiter. Hüfte. Brustkorb. Ich tauche.
Es ist kalt. Es ist gut.
Wenn ich auftauche, ist Jonah neben mir, drei Meter weiter draußen. Er schwimmt nie weit raus. Er schwimmt drei, vier Züge raus, dann dreht er sich auf den Rücken, und dann lässt er sich treiben. Ich mach's anders. Ich schwimme zur Boje, wenn die Boje da ist, und heut ist sie da, dreißig Meter raus.
„Bis zur Boje?“, frage ich.
„Du, ja. Ich heut nicht.“
„Warum nicht?“
„Ich hab Lust, mich treiben zu lassen.“
„Faulpelz.“
„Hab ich heut verdient.“
Ich schwimme zur Boje. Es sind dreißig Meter, ich brauch eine Minute, weil ich nicht schnell schwimme. Ich erreich sie. Halt mich kurz fest. Drehe mich um. Schau zurück.
Er liegt auf dem Rücken. Sein Gesicht ist zur Sonne, die noch tief überm Wasser steht, sein Mund ist leicht offen, sein Blick liegt auf einem Stück Himmel, der nicht da ist. Sein Haar treibt um seinen Kopf wie Algen, was ich seit Sommer eins finde, was ich nie sage. Er sieht aus, als wäre er weniger geworden über Nacht.
Ich schwimme zurück. Schneller als beim Hinweg.
❧
Bei meinem Stein angekommen, lasse ich mich neben ihn ins flache Wasser fallen. Er macht die Augen auf.
„Boje war noch da?“
„Boje war noch da.“
„Gut.“
„Du, Jonah.“
„Mhm.“
„Wieso treibst du heute?“
Er denkt einen Moment nach. Dreht den Kopf zu mir.
„Weil ich seit drei Wochen das Gefühl hab, dass ich treiben soll. Nicht schwimmen.“
„Mh.“
„Was mh?“
„Nichts mh. Mh.“
„Mia.“
„Ja?“
Er macht eine kurze Pause.
„Anna ist seit drei Wochen drei Wochen weg. Wenn man's genau nimmt. Wir sind seit Mai – März, Bullshit, seit März getrennt. Aber sie ist seit drei Wochen aus der Wohnung raus.“
„Mh.“
„Mh.“
Wir treiben.
❧
Wir treiben, bis die Sonne so hoch ist, dass uns die Schultern brennen. Vielleicht zwanzig Minuten. Wir reden nicht. Wir reden nie viel an diesem Strand, das ist Teil seiner Funktion. Wenn ich was gesagt hätte, hätte er was gesagt. Ich hab nichts gesagt. Er hat seit drei Wochen drei Wochen weg gesagt, was komisches Deutsch ist und genau das Richtige.
Auf dem Rückweg zum Haus, mit dem trockenen Pinienpfad-Geräusch unter den Füßen, fragt er: „Wie geht's deiner Mutter?“
„Operation gut verlaufen. Sie ist eine alte Dame, sie macht das nicht zum ersten Mal.“
„Und dir?“
„Mir gut. Ich bin nicht die Operationsstelle.“
„Mia.“
„Mir gut.“
Er nickt. Er fragt nicht nach.
❧
Frühstück um halb neun. Lina hat den Tisch in den Innenhof gestellt, mit der grünen Tischdecke, die sie jedes Jahr aus dem Schrank holt, weil sie behauptet, sie sei aus Umbrien und nicht aus Apulien, was immer wieder einen Streit auslöst, in dem sie immer recht behält. Tessa hat Brot aus der Bäckerei geholt. Brot in Apulien ist eine Sache für sich – schwer, dunkel, mit Hartweizen, die Krume gelb. Ich liebe es.
Cem ist wach. Er liegt auf der Couch, die Decke auf den Beinen, das Gesicht zur Wand, und murmelt kein Wort vor zehn. Wir lachen. Lina bringt ihm einen Espresso ans Bett – also an die Couch.
Wir essen. Brot, Olivenöl, Tomaten, Mozzarella, Caffè. Es ist das gleiche Frühstück wie in Sommer eins und Sommer zwei. Es ist auch das gleiche Sitzbild. Tessa und Ben links, Lina und Nora rechts, Cem auf der Couch, Jonah und ich gegenüber.
Lina schaut mich kurz an, wie war's. Ich schau zurück, war Frühschwimmen. Sie nickt zufrieden.
❧
Tagsüber liegen wir am Strand. Von zehn bis zwei. Das ist die nächste Etappe. Wir sind nicht groß für Touristen-Programme. Wir kommen seit drei Sommern hierher, weil dieser Strand und dieses Haus und dieses Dorf genau die Programme sind, die wir mögen. Wir lesen. Wir schwimmen. Wir essen Wassermelonen, die der Mann mit der alten Vespa um zwölf am Strand vorbei verkauft. Wir verbrennen den Bauch, obwohl wir uns mit Faktor fünfzig eingecremt haben. Wir trinken Wasser.
Tessa und ich gehen einmal zu einer Bar weiter unten, wo es die guten Granitas gibt. Sie sieht mich von der Seite an, beim Zurückgehen, mit zwei Plastikbechern in der Hand.
„Mia.“
„Mhm.“
„Ist's komisch, dass Anna nicht da ist?“
„Was meinst du?“
„Du weißt, was ich mein.“
„Ich…“ Ich nehme einen Schluck Granita. Sie schmeckt nach Mandel. „Es ist anders. Ich war einen ganzen Sommer an einem Tisch mit Jonah und Anna, und ich hab das gemacht, was Erwachsene machen. Heute Nacht hab ich mich einmal gefragt, ob's leichter ist. Heute Mittag denk ich nicht drüber nach.“
„Mh.“
„Mh.“
„Lina hat dich an den Tisch gegenüber Jonah gesetzt.“
„Ich weiß.“
„Lina hat einen Plan.“
„Lina hat immer einen Plan.“
„Mia, ich frag dich nichts. Aber ich sag dir eins: Er sieht aus wie ein Mann, der heut Nacht einmal tief geschlafen hat, was er seit Monaten nicht hat.“
„Tessa.“
„Ich sag's nur.“
Sie schaut nicht zu mir, sie schaut nach vorn. Wir gehen.
❧
Mittagessen. Spätes. Drei Uhr. Lina hat Pasta mit Cime di Rapa gemacht. Sie sagt: In Apulien isst man Cime di Rapa, ihr werdet Cime di Rapa essen. Wir essen Cime di Rapa. Wir trinken einen einfachen Verdeca aus der Region, der uns kühlt.
Nach dem Mittag schlafen alle. Apulien zwingt einen, zu schlafen, weil es gegen vier Uhr unmenschlich heiß wird, weil die Bäume sich gegen die Sonne stellen wie alte Männer. Wir gehen alle aufs Zimmer. Cem schläft auf dem Sofa weiter.
Ich liege auf dem Bett. Ich höre Jonah, der in seinem Zimmer rumort. Schlüsselbund auf den Nachttisch. Schuhe auf den Boden. Er macht das Fenster auf, glaube ich, und dann zu, weil ihm zu warm wird. Er schließt seine Tür. Ich höre ihn auf dem Bett liegen. Er räuspert sich einmal.
Ich höre Geräusche, die ich kenne.
Ich frage mich, ob ich heute Nacht eine Mauer drumrum bauen kann oder nicht.
Ich schlafe ein, ohne dass ich's bemerke.
❧
Abend. Nach sechs.
Wir treffen uns alle wieder. Lina sagt: Heut Abend gehen wir runter. Sie meint die Trattoria am Hafen, die wir seit Sommer eins haben. Sie ist klein, sie hat siebzehn Plätze, sie macht uns immer Platz, weil Lina mit der Tochter des Wirts seit drei Sommern eine Brieffreundschaft pflegt – sie schicken sich Postkarten, weil das eine Sache ist, die Lina als Spaß angefangen hat und nicht aufhören will.
Wir gehen zu Fuß. Anderthalb Kilometer den Pfad runter, durch den Olivenhain, entlang der Straße. Es ist immer noch warm, das Licht ist orange. Wir sind sieben – Cem ist mitgekommen, weil Lina ihm den Tag erklärt hat. Wir gehen zu Pärchen, wenn man so will, paarweise zu zweit auf der Straße – Tessa und Ben, Lina und Nora, Cem und ein imaginärer Schatten, Jonah und ich. Es ergibt sich. Niemand setzt es. Wir gehen so.
Jonah und ich reden nicht viel auf dem Weg runter. Es ist heiß, wir laufen. Er hat ein blaues Hemd an, das er noch nie hatte. Ich hab das gemerkt, weil ich seine Hemden kenne. Ich frag nicht, woher er es hat. Ich nicke einmal kurz, weil's ihm steht, und er nickt zurück, weil er weiß, dass ich gerade blaues Hemd zur Kenntnis genommen habe.
Wir essen am Hafen. Lina sitzt mit Mariangela, der Tochter, am Telefon, als sie beim Essen mal kurz weg ist. Sie kommt strahlend zurück. Wir trinken Vermentino und essen frittierten Tintenfisch. Wir essen Pasta mit Muscheln. Wir essen Granita, die Tessa und ich schon vom Mittag kennen. Cem schläft fast wieder ein, kämpft sich durch.
Wir laufen zurück.
Es ist halb elf. Es ist immer noch warm.
❧
Auf dem Rückweg muss ich pinkeln. Ich sage's Lina. Lina sagt: Geh hier rein, das hier ist die Bar mit dem Klo, sag ihnen, du gehörst zu mir. Ich gehe in die kleine Bar. Pinkele. Komme wieder raus.
Vorne stehen Jonah und Cem. Lina, Tessa, Ben und Nora sind weitergegangen. Cem sagt: „Ich geh mit den vieren vor, ich brauch mein Bett, ihr kommt nach, ja?“
„Ja“, sagt Jonah.
Cem trottet los. Wir trotten hinterher, fünfzig Meter Abstand, weil das hier so geht – hier laufen mehrere Pärchen abends in die gleiche Richtung und respektieren ihre eigenen Flüsterstrecken.
Wir laufen. Schweigend, zwei Minuten lang. Dann Jonah:
„Mia.“
„Mhm.“
„Ich frag dich was, und du musst nicht sofort antworten.“
„Okay.“
„Findest du das komisch, dass Anna nicht da ist?“
❧
Ich antworte sofort.
„Es ist nicht komisch. Es ist anders.“
„Das hat Tessa dich heut Mittag schon gefragt.“
„Tessa ist Tessa. Sie fragt einmal.“
„Mia.“
„Ja.“
„Ich fall heut Abend nicht zusammen, das versprech ich. Ich bin nur müde, weil ich nicht weiß, wie man mit dieser Sache umgeht. Ich war noch nie ohne Anna hier. Sie war nur in Sommer zwei selbst mit, aber sie war immer da. Ich hab heute den ganzen Tag gemerkt, dass ich keinen Knopf hab, mit dem ich umschalten kann. Ich denk an sie, und gleichzeitig denk ich nicht an sie. Es ist eine Rückseite, die mit nach Italien gekommen ist.“
Ich nicke.
Wir laufen weiter.
„Jonah.“
„Ja.“
„Ist's okay, dass ich da bin?“
„Was meinst du?“
„Ich meine: Würdest du lieber nur mit den anderen sein? Tessa, Ben, Lina, Nora, Cem? Wenn ich zwei Tage in eine Pension fahren würde, gäb dir das Raum?“
Er bleibt stehen.
„Mia.“
„Ja.“
„Wenn du in eine Pension fahren würdest, würd ich heut Nacht nicht schlafen, weil's nicht mehr Italien wär. Wenn du jetzt das vorschlägst, dann sag mir das, dann red ich darüber. Aber unterstell nicht, dass ich dich nicht hier haben will. Versteh mich nicht falsch.“
„Versteh ich nicht.“
„Sag's klar.“
Ich überlege. Ich weiß nicht genau, was ich sagen will. Ich sage: „Ich bin froh, dass du das gesagt hast.“
„Gut.“
Wir laufen weiter.
❧
An der Haustür treffen wir auf den anderen Teil der Truppe. Lina und Nora sind schon im Innenhof, Tessa und Ben gehen direkt hoch. Cem hängt am Wasserhahn. Lina sagt: Heut Abend kein Tisch, ich kann nicht mehr. Wir gehen alle aufs Zimmer.
Im Bad putzen Jonah und ich uns wieder die Zähne. Diesmal weniger leise, weil wir Wein hatten. Er gurgelt. Ich gurgele. Wir gehen aus dem Bad. Ich höre ihn in seinem Zimmer das Fenster aufmachen.
Ich liege auf meinem Bett. Ich höre ihn auf seinem.
Das Meer rauscht. Die Zikaden sind heut leiser als gestern. Keine Ahnung, wonach sie sich richten. Im Olivenhain bewegt sich was Großes – vielleicht ein Wildschwein, das passiert manchmal hier oben. Ich höre das Knacken in den Zweigen.
„Mia?“, sagt Jonah leise, durch die Wand.
„Mhm?“
„Wachst du noch?“
„Mhm.“
„Ich wollt nur sagen, danke.“
„Wofür?“
„Dass du heut Abend gefragt hast.“
„Hab ich nicht gut gefragt.“
„Doch.“
„Schlaf, Jonah.“
„Schlaf, Mia.“
❧
Ich liege wach.
Ich liege heute länger wach, als ich gestern wach gelegen hab. Ich denke an seine Stimme, die durch die Wand kam, und an die Tatsache, dass die Wand zwischen uns dünner ist, als ich's wahrhaben will. Ich denke an die Rückseite, die mit nach Italien gekommen ist. Ich denke an blaues Hemd. Ich denke an das Gummiband am Stein.
Ich denke daran, dass ich Mia bin, achtundzwanzig, sieben Kilo leichter als vor drei Sommern, weil ich seit drei Sommern abnehme, ohne es absichtlich zu tun. Ich denke daran, dass ich seit acht Jahren in ihn verliebt bin. Ich denke daran, dass Verliebtsein das falsche Wort ist. Es ist gewohnt sein.
Es ist ihn kennen.
Ich denke daran, dass ihn kennen zu ihn lieben keine große Distanz ist.
Ich schlafe ein, irgendwann, ich weiß nicht, wann.
Tag drei beginnt mit einem Wecker, der eine Sekunde vor seinem klingelt.