Kapitel 1
Storniert
YVONNE
Mist.
Ich starre auf mein Handy, auf die Info-Mail von Eurowings, die mir gerade den Abend ruiniert. Sehr geehrte Frau Bergmann, wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Flug EW 4732 Berlin-Split am 14. Juli storniert wurde. Dazu ein Gutschein über fünfzig Euro. Fünfzig Euro! Als Entschädigung dafür, dass meine beste Freundin in sechs Tagen heiratet – na gut, nicht heiratet, aber JGA, was fast genauso wichtig ist – und ich jetzt hier sitze. In meiner Kreuzberger Einzimmerwohnung. Ohne Flug.
So ein verdammter Mist.
Ich scrolle durch die Alternativen. Lufthansa: 487 Euro. Ryanair über Mailand: 340 Euro plus acht Stunden Umsteigezeit. Flixbus: achtzehn Stunden, Umsteigen in München und Zagreb. Maja hat mir mal von ihrer Flixbus-Erfahrung erzählt. Defekte Klimaanlage. Ein Sitznachbar, der seine Schuhe auszog.
Nein.
Ich öffne WhatsApp. Tippe schnell, bevor ich es mir anders überlege.
Gruppe „JGA Lena Kroatien“
Senden. Zwei blaue Häkchen. Dann nichts.
Ich lasse das Handy auf die Brust sinken. Starre an die Decke, auf den Wasserfleck, der aussieht wie eine Landkarte von Italien. Passend, irgendwie.
Zehn Minuten. Fünfzehn. Die Mädels schlafen vermutlich schon. Oder ihre Autos sind voll. Ich bin kurz davor, die Hoffnung aufzugeben, als mein Handy vibriert.
John. Der Name sagt mir nichts. Ich tippe ihn in die Suchleiste der Gruppe. Kein eigenes Profilbild, nur ein dunkelblauer Kreis mit seinen Initialen. Aber Lena hat ihn mal erwähnt. Bei einem Wein-Abend, beiläufig, so wie Lena alles erzählt – als wäre es unwichtig, obwohl es das nie ist. Ein Freund aus dem Sport. Irgendetwas mit Klettern.
Ich schreibe Lena. Privat, nicht in der Gruppe.
Drei Punkte. Lena tippt. Hört auf. Tippt wieder.
Ich lege das Handy weg. Nehme es wieder auf. Lege es weg. Nehme es auf.
Sein Profilbild: Verschwommen. Gegenlicht. Eine Silhouette an einer Felswand. Man erkennt nichts außer breiten Schultern. Armen, die aussehen, als könnten sie einen Menschen an einer Klippe festhalten.
Hör auf, Yvonne. Du kennst den Mann nicht.
Ich stelle den Wecker auf fünf. Schlafe nicht.
Um 6:52 stehe ich vor meiner Haustür. Acht Minuten zu früh. Ich komme grundsätzlich zu spät, zu allem, immer – es ist mein konstantestes Persönlichkeitsmerkmal. Aber heute liege ich seit halb fünf wach. Habe geduscht. Drei Outfits an- und wieder ausgezogen. Mich für Jeans und ein weißes T-Shirt entschieden. Dann die Bluse. Dann doch das T-Shirt. Kaffee gemacht. Den Kaffee vergessen. Luna gefüttert. Luna erklärt, dass Frau Peters von nebenan sie füttern wird und dass ich in einer Woche zurück bin. Lunas Desinteresse zur Kenntnis genommen.
Jetzt stehe ich hier. Rucksack, Reisetasche, Sonnenbrille im Haar. Zu wenig Schlaf. Zu viel Nervosität. Die Oranienstraße ist noch ruhig. Ein Lieferwagen vom Bäcker. Eine Frau mit Hund. Normaler Morgen.
Dann höre ich ihn, bevor ich ihn sehe.
Ein tiefes, sattes Motorengeräusch rollt um die Ecke. Ein olivgrüner Landrover Defender. Baujahr irgendwas aus den Neunzigern. Dachgepäckträger, Patina, ein Auto, das sagt: Ich habe Geschichten erlebt, die du dir nicht vorstellen kannst. Das Ding sieht aus, als würde es in die Sahara gehören. Nicht nach Kreuzberg.
Er hält direkt vor mir. Die Fahrertür geht auf.
Lena hat nicht übertrieben. Nicht einmal ein bisschen.
Groß. Eins neunzig, mindestens. Dunkle Haare, kurz an den Seiten, oben etwas länger. Ein Gesicht, das nicht schön ist im glatten Sinne, sondern interessant – kantiger Kiefer, eine leicht schiefe Nase. Augen so dunkelbraun, dass sie fast schwarz wirken. Weißes T-Shirt, Jeans, Boots. Sein Unterarm – gebräunt, sehnig – hat eine feine weiße Narbe, die sich vom Handgelenk bis zum Ellbogen zieht.
Er sieht aus wie jemand, der weiß, wie man Dinge festhält.
Yvonne. Aufhören. Sofort.
„Hey.“ Er lächelt. Nicht breit. Ein halbes Lächeln, das eine Seite seines Mundes hebt. Ein einzelnes Grübchen in der linken Wange. „Du musst Yvonne sein.“
„Und du musst der Nicht-Serienkiller sein.“
Er lacht. Kurz, tief, überrascht. „Lena hat mich gewarnt, dass du schlagfertig bist.“
„Lena hat mich gewarnt, dass du nett bist. Einer von uns wird enttäuscht werden.“
Das Grübchen wird tiefer. Er nimmt meinen Rucksack – einfach so, ohne zu fragen. Selbstverständlich. Das irritiert mich. Gleichzeitig bringt es etwas in meinem Bauch zum Flattern. Etwas, das ich nicht eingeladen habe.
Er wirft den Rucksack auf die Rückbank. „Steig ein. Wir haben zwölf Stunden vor uns.“
Der Landrover riecht nach Leder. Nach altem Holz. Nach etwas Warmem, Herbem – sein Aftershave vielleicht. Oder einfach er.
Die ersten dreißig Minuten fahren wir schweigend. Nicht unangenehm. Es ist die Art von Stille, die entsteht, wenn zwei Menschen sich abtasten. Berlin gleitet vorbei. Dann die Autobahn. Dann die endlosen Felder Brandenburgs.
Ich beobachte ihn aus dem Augenwinkel. Seine Hände am Lenkrad – groß, ruhig, sicher. Die Art, wie er schaltet: geschmeidig, ohne Ruckeln. Als wäre das Auto ein Teil von ihm. Die Narbe an seinem Arm schimmert im Morgenlicht.
„Klettern“, sagt er. Ohne den Blick von der Straße zu nehmen.
„Was?“
„Die Narbe. Du starrst drauf. Die Frage kommt immer.“ Seitenblick. Amüsiert. „Ein Felshaken hat sich gelöst. Zwölf Stiche. Ist schon ein paar Jahre her.“
„Ich habe nicht gestarrt.“
„Doch.“
Okay. Vielleicht ein bisschen.
„Was machst du beruflich?“, frage ich, obwohl ich weiß, dass man diese Frage nicht in der zweiten Stunde einer Autofahrt mit einem Fremden stellt. Man stellt sie nach zehn Minuten oder gar nicht.
„Architektur.“ Er wechselt die Spur, lässt einen LKW vorbei. „Ich entwerfe Häuser.“
„Was für Häuser?“
„Die, in denen Menschen leben wollen.“ Ein halbes Lächeln. „Nicht die, in denen sie leben müssen. Es gibt einen Unterschied.“
Ich denke an meine Kreuzberger Einzimmerwohnung. Dreißig Quadratmeter, Altbau, Hinterhof. Die Heizung funktioniert nur halb, im Sommer wird es so heiß, dass ich mit offenem Fenster schlafe und den Verkehr auf der Oranienstraße höre. Aber sie ist meine. Der erste Ort, der wirklich mir gehört.
„Wollen oder müssen“, sage ich. „Das ist eine gute Unterscheidung.“
Er sieht mich kurz an. Nur eine Sekunde, bevor sein Blick zur Straße zurückkehrt. Aber in dieser Sekunde liegt etwas, das mich wärmer macht als die Sonne durch die Windschutzscheibe.
Bei München ändert sich die Landschaft. Die Felder werden zu Hügeln, die Hügel zu Bergen. Die Autobahn windet sich durch Täler, und die Luft, die durch das offene Fenster strömt, riecht anders. Grüner. Frischer.
„Wir nehmen einen kleinen Umweg“, sagt er, als wir die österreichische Grenze passieren.
„Umweg?“
„Ich habe ein Haus hier. Am See. Ein paar Stunden abseits der Route. Ich muss kurz etwas erledigen, und danach fahren wir weiter.“ Er zögert. „Wenn das okay ist.“
Es ist nicht okay. Nicht wirklich. Eine Nacht in einem fremden Haus, mit einem Mann, den ich seit zehn Stunden kenne? Lena würde mich für verrückt erklären. Meine Mutter würde hyperventilieren.
Aber die Berge sehen aus wie ein Versprechen. Und er sieht aus wie jemand, der seine Versprechen hält.
„Okay“, sage ich.
Irgendwo hinter Salzburg hört die Stille auf, unbequem zu sein. Er schaltet das Radio ein. Leise. Jazz. Kein Pop, keine Charts. Jazz.
„Du magst Jazz?“
„Meine Mutter. Sie hat immer Coltrane gehört, wenn sie gekocht hat.“ Kurze Pause. „Irgendwann gewöhnt man sich dran.“
„Gewöhnt man sich oder mag man es?“
Er denkt nach. Wirklich nach. Nicht das höfliche Drei-Sekunden-Nachdenken. „Beides. Zuerst Gewohnheit. Dann Zuneigung. Ist das nicht bei den meisten Dingen so?“
Ist das nicht bei den meisten Dingen so.
„Erzähl mir was“, sagt er. „Egal was. Wir haben noch ein paar Stunden.“
Also erzähle ich. Von meiner Arbeit – Logos, Plakate, einmal ein Kinderbuch-Cover, auf das ich stolz bin. Von Berlin, das ich liebe, obwohl es mich manchmal müde macht. Von Luna, die mich jeden Morgen um sechs weckt, indem sie auf meinem Gesicht sitzt.
Er hört zu. Nicht das Nicken-und-Hmm-Sagen, das die meisten als Zuhören verkaufen. Er hört zu wie jemand, der Worte sammelt. Der sich Dinge merkt. Zwischendurch stellt er Fragen – nicht „Was für Logos?“ sondern „Warum Grafik? Was hat dich dazu gebracht?“
Niemand hat mich das je gefragt. Nicht einmal meine Mutter.
An einer Tankstelle in den Bergen kaufen wir Kaffee. Er trinkt seinen schwarz. Ich meinen mit zu viel Milch. Er kommentiert es nicht. Punkte für ihn.
Als die Berge näher rücken und der Himmel sich weitet, spüre ich etwas, das ich lange nicht gespürt habe. Vorfreude. Nicht auf Kroatien. Nicht auf den JGA.
Auf das, was vor uns liegt.
Du kennst ihn seit elf Stunden, Yvonne.
Elf Stunden. Eine Autofahrt. Ein paar Gespräche. Aber manchmal reicht das, um zu wissen, dass jemand zuhört. Dass jemand echte Fragen stellt. Dass jemand schweigen kann, ohne dass es sich wie ein Scheitern anfühlt.
Er schaltet, und seine Hand streift mein Knie. Versehentlich. Oder nicht. Er sagt nichts. Ich sage nichts. Aber die Stelle, die er berührt hat, kribbelt noch, als die Berge sich öffnen und ein See in der Abendsonne auftaucht, still und dunkel, umgeben von Wald, und ein kleines Holzhaus am Ufer sichtbar wird.
„Da“, sagt er.
Und mein Herz macht etwas, das es nicht tun sollte. Etwas, das sich anfühlt wie Ankommen, obwohl ich noch nie hier war.
Er steigt aus. Öffnet meine Tür, bevor ich es kann. Nicht auf eine demonstrative Art – keine inszenierte Geste –, sondern selbstverständlich, wie jemand, der so erzogen wurde und nicht darüber nachdenkt.
Meine Füße berühren den Kies, und zum ersten Mal seit zwölf Stunden bin ich nicht im Auto. Die Luft hier ist anders als in Berlin. Anders als überall, wo ich je war. Sie riecht nach Harz und kaltem Wasser und nach etwas Süßem, das ich nicht benennen kann. Bergluft, vielleicht. Die Luft, die nur dort existiert, wo Städte weit weg sind.
„Komm“, sagt John. „Ich zeig dir das Haus. Dann mache ich uns was zu essen.“
„Du kochst?“
„Ich koche nicht. Ich wärme Dosen auf.“ Ein halbes Lächeln. „Aber ich nenne es kochen, weil es professioneller klingt.“
Ich lache. Laut. Zu laut, vielleicht, für diesen stillen Ort. Aber er lacht mit, und es klingt in den Bäumen nach, und zum ersten Mal seit der E-Mail von Eurowings bin ich nicht mehr traurig, dass mein Flug ausgefallen ist.
Im Gegenteil.
Ich schicke Lena eine Nachricht, während er meine Tasche aus dem Kofferraum nimmt.
Lena. Wir sind an seinem See. Ich wiederhole: SEIN SEE. Das gehört dem Mann. Ich hasse dich.
Drei Sekunden. Dann: WAS FÜR EIN SEE???
Sein Haus am See. In Österreich.
OH MEIN GOTT Yvonne. Du bist angekommen, bevor ich es geahnt habe. Das ist BESSER als Kroatien.
Ich weiß noch nicht.
Doch. Du weißt es. Schreib mir morgen, sonst rufe ich die Polizei.
Ich stecke das Handy weg. John steht mit meiner Tasche auf der Veranda und wartet. Im letzten Abendlicht sieht er aus wie ein Fremder, den ich mein Leben lang gekannt habe.
Danke, Lena. Ich kann dir tatsächlich danken.
Oder dir irgendwann den Hals umdrehen. Mal schauen.
Ich gehe auf die Veranda zu. Meine Schritte knirschen auf dem Kies. Irgendwo ruft eine Eule. Der See glitzert hinter mir im letzten Licht, und der Wald um das Haus herum beginnt langsam, seine Farben in Schatten zu verwandeln.
John hält mir die Tür auf.
„Willkommen“, sagt er. Und meint es.
Das Haus riecht nach Holz. Nach altem Holz, das von Jahrzehnten warmer Sonne und kalter Winter gehärtet wurde. Nach einem Kamin, der heute noch nicht gebrannt hat, aber die Erinnerung an tausend Feuer in den Wänden trägt. Nach Leben.
Ich trete ein, und etwas in mir wird ruhig.
