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Kirschblüten und Küsse

von A. M. Blackwood

Sehr Hot - Explizit
Contemporary Romance · Kirschberg, fiktives Dorf in Bayern

Erfolgreiche Architektin aus München erbt das Haus ihrer Großmutter in einem bayerischen Dorf. Sie will nur verkaufen und zurück in die Stadt. Aber dann ist da dieser Obstbauer mit den mürrischen Augen und den sanften Händen, der ihr zeigt, dass manche Dinge langsam wachsen müssen.

Enthält explizite Liebesszenen · Ab 18

Inhaltshinweise
  • Trauer um die verstorbene Großmutter
  • sehr explizite Liebesszenen
Umfang
10 Kapitelca. 22.000 Wörter
Format
PDF, ePub+ online lesen
Roman
Abgeschlossenauf Deutsch
Zugang
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Leseprobe

Lies hinein

Das erste Kapitel – komplett und kostenlos.

Kapitel 1

Kein Signal

LINA

Der Navi-Punkt verschwindet, als hätte das Dorf beschlossen, mich nicht finden zu lassen.

Ich tippe auf den Bildschirm. Nichts. Kein Signal. Kein GPS. Nur eine schmale Straße, die sich durch hügelige Wiesen schlängelt, und rechts und links Kirschbäume, so viele Kirschbäume, dass es aussieht, als hätte jemand Wolken auf die Erde gepflanzt.

Weiß. Rosa. Blütenblätter auf meiner Windschutzscheibe.

Ich schalte den Scheibenwischer ein, und sofort bereue ich es. Die Blüten verschmieren zu einem feuchten Streifen. Als würde ich etwas Schönes zerstören. Schon wieder.

Du hättest öfter kommen sollen.

Der Gedanke sitzt in meinem Brustkorb wie ein Stein. Seit Wochen. Seit dem Anruf. Seit der Notar mit ruhiger Stimme gesagt hat: „Ihre Großmutter hat Ihnen das Haus vermacht.“ Als wäre es eine Formalität. Als wäre Oma Hildes Tod eine Sache, die man in einen Briefumschlag steckt.

Ich blinzle. Konzentrier dich auf die Straße, Lina.

Der BMW fühlt sich falsch an auf dieser Straße. Zu breit. Zu tief. Zu glänzend. Links ein Graben, rechts ein Maisfeld. Die Federung ächzt über jede Unebenheit, und ich spüre, wie meine High Heels auf dem Gaspedal rutschen. Hätte Sneaker anziehen sollen. Aber ich bin direkt aus dem Büro losgefahren. Blazer, Pumps, eine Mappe mit Bauzeichnungen auf dem Rücksitz. Mein Leben in München, verpackt in einem Kofferraum.

Wann warst du das letzte Mal hier?

Weihnachten. Vor zwei Jahren. Nein. Drei. Drei Jahre. Ich habe Oma Schokolade mitgebracht und bin zwei Tage geblieben. Zwei Tage von sechsunddreißig Monaten. Ich habe jedes Mal gesagt: Nächsten Monat komme ich wieder. Nächsten Monat.

Es gab keinen nächsten Monat.

Ich biege um eine Kurve, und da ist es. Ein Schild, verwittert, grüne Schrift auf weißem Grund: Kirschberg – 400 Einwohner – Bitte langsam fahren.

Darunter hat jemand mit roter Farbe gekritzelt: Hier passiert nix, aber schön ist es trotzdem.

Ein Lachen kämpft sich in meine Kehle. Oder ein Schluchzen. Ich bin mir nicht sicher.

Die Hauptstraße ist keine richtige Hauptstraße. Sie ist gepflastert, schmal, gesäumt von Häusern mit Holzbalkonen und Blumenkästen. Geranien, rot und weiß. Ein Gasthaus mit einem Schild: „Zum Goldenen Hirsch – seit 1897“. Eine Bäckerei mit beschlagenen Fenstern. Eine Kirche mit einem Zwiebelturm, der in den Himmel sticht wie ein steinerner Finger.

Es riecht nach frischem Brot. Selbst durch die geschlossenen Fenster des Autos riecht es nach frischem Brot.

Ich fahre langsam. An einem alten Mann, der auf einer Bank sitzt und mir nachschaut. An einer Frau, die einen Kinderwagen schiebt und winkt. Ich winke nicht zurück. Ich weiß nicht, ob sie mich meinen oder einfach jeden grüßen, der hier durchfährt.

Wahrscheinlich jeden.

Omas Haus liegt am Ende des Dorfes. Die letzte Straße, die in einen Feldweg übergeht. Ich erkenne es sofort, obwohl sich alles verändert hat. Oder vielleicht, weil sich nichts verändert hat.

Ein Holzhaus. Dunkelbraun, die Balken fast schwarz vor Alter. Ein Giebel mit geschnitzten Herzen. Ein Garten, der einmal ein Garten war und jetzt ein kleines Wildnis-Kunstwerk ist. Stockrosen, mannshoch, in Rosa und Weiß und einem dunklen Violett, das fast schwarz aussieht. Gras, das mir bis zu den Knien gehen würde. Und mittendrin, wie ein Wächter, der alte Kirschbaum.

Er steht da, als hätte er auf mich gewartet.

Ich parke den BMW auf dem Kiesweg. Der Kies knirscht unter den Reifen. Zu laut für diesen stillen Ort.

Der Schlüssel. Ich hole ihn aus meiner Handtasche. Ein Kuvert vom Notar, darin ein einzelner Schlüssel an einem verblichenen Lederband. Oma hat ihn immer um den Hals getragen. Ich erinnere mich. Als Kind habe ich daran gezogen und gefragt, was er aufschließt. „Alles, was zählt“, hat sie gesagt.

Ich steige aus. Meine High Heels bohren sich sofort in den Kies. Ich schwanke. Halte mich am Autodach fest. Fluche leise.

Elegant wie immer, Lina.

Die Luft ist anders als in München. Dünner. Süßer. Es riecht nach Blüten und Gras und feuchter Erde und etwas, das ich als Kind „Omas Welt“ genannt habe. Damals dachte ich, es sei ein eigener Geruch. Jetzt weiß ich: Es ist die Abwesenheit von Stadt. Von Abgasen, Beton, Hektik. Es ist das, was übrig bleibt, wenn man alles Unnötige wegnimmt.

Ich gehe den Kiesweg hoch. Meine Absätze klacken. Lächerlich. Ich sehe aus wie eine Fremde. Bin eine Fremde. War es schon, als Oma noch gelebt hat.

Die Gartenpforte quietscht. Rost. Alles rostet hier, alles verwittert, alles nimmt sich Zeit zum Altwerden. Nicht wie in München, wo alles blitzt und jedes Jahr eine neue Fassade bekommt.

Ich stehe vor der Haustür. Braun. Ein Messing-Türklopfer in Form eines Hirsches. Ich lege die Hand darauf. Kalt.

Der Schlüssel passt. Er dreht sich schwer, als hätte das Schloss gewartet und sich dann doch daran erinnert.

Und dann bin ich drin.

Lavendel. Das Erste, was mich trifft, ist der Geruch von Lavendel. Oma hat immer Lavendelsäckchen in die Schränke gelegt. In die Schubladen. Zwischen die Handtücher. Der Geruch ist noch da. Nach Wochen. Nach ihrem Tod. Als hätte sie ihn extra für mich dagelassen.

Und darunter: Kuchen. Nicht wirklich. Kein frischer Kuchen. Aber die Erinnerung daran. Die Wände haben den Geruch aufgesogen, über Jahrzehnte. Apfelkuchen, Zwetschgendatschi, Kirschstreusel. Omas Küche hat nie aufgehört zu duften.

Ich stehe im Flur und atme ein. Aus. Ein.

Die Garderobe: Ein Holzhaken mit Omas Strickjacke. Grau, Mottenlöcher, ein Taschentuch in der Brusttasche. Ich berühre den Stoff. Er ist weich. Abgetragen. Er riecht nach ihr.

Nicht weinen. Nicht hier. Nicht jetzt.

Ich gehe weiter. Das Wohnzimmer. Ein Sofa mit gestrickter Decke, bunt, jedes Quadrat ein anderes Muster. Oma hat jahrelang daran gestrickt. Auf dem Sideboard Fotos. Ich als Kind, zahnlückig, in einem Kirschbaum. Opa, den ich nie kennengelernt habe, mit Schnauzbart und Lederhose. Mama, jung, lachend, ein Gesicht, das ich kaum erkenne. Und Oma. In jedem Alter. Auf jedem Foto mit diesem Lächeln, das sagte: Alles wird gut, auch wenn nichts gut ist.

Die Küche. Holztisch, sechs Stühle, obwohl hier nur eine Frau gelebt hat. Als hätte sie immer auf Besuch gewartet. Ein Herd, alt, mit Gasanschluss. Ein Kühlschrank, der brummt. Jemand hat ihn laufen lassen. Darin: Butter, eine Flasche Milch, drei Eier. Frisch.

Wer hat das hingestellt?

Ich öffne die Hintertür. Der Garten. Wilder als von vorne. Hier hat Oma ihre Kräuter gezogen, hier standen Beete in Reih und Glied, Tomaten, Zucchini, Radieschen. Jetzt wuchert alles. Das Unkraut hat gewonnen. Aber die Stockrosen haben auch gewonnen, und der Kirschbaum, der Kirschbaum ist ein Gedicht.

Er steht in voller Blüte. Seine Äste breiten sich aus wie Arme, die jemanden umarmen wollen. Die Blüten sind so dicht, dass man den Himmel kaum sieht. Darunter steht eine Bank. Holz, verwittert, eine eingeschnitzte Initiale: H.

Hilde.

Ich setze mich auf die Bank. Das Holz ist feucht vom Morgentau. Es ist mir egal. Mein Blazer ist mir egal. Alles ist mir egal.

Ich sitze unter dem Kirschbaum meiner Großmutter, und sie ist nicht mehr da.

Die Tränen kommen. Leise. Ich bin keine laute Weinerin. Nie gewesen. Schon als Kind habe ich leise geweint, die Lippen zusammengepresst, als könnte ich den Schmerz daran hindern, rauszukommen.

Du hast sie allein gelassen.

Sie hat angerufen. Jeden Sonntag. Ich habe die Hälfte der Anrufe verpasst. Die andere Hälfte: „Oma, ich hab gerade viel zu tun. Ich ruf zurück.“ Habe ich selten.

Sie hat nie geklagt. Nie gesagt: Du fehlst mir. Nur: „Mach dir keine Sorgen, Mädchen. Mir geht's gut. Der Junge von nebenan hat mir Kirschen gebracht.“

Der Junge von nebenan.

„Sie war eine gute Frau.“

Ich zucke zusammen. Die Stimme kommt von rechts. Vom Zaun. Ein Mann steht dort, einen Fuß auf der unteren Latte, die Arme auf der oberen. Groß. Breite Schultern. Ein Arbeitshemd, die Ärmel hochgekrempelt. Unterarme, braun gebrannt, mit feinen Haaren, die in der Sonne glänzen. Erde an den Händen. Erde an den Stiefeln. Ein Gesicht, das aussieht, als hätte es der Wind geschnitzt: kantige Wangen, eine gerade Nase, Augen, die so dunkel sind wie reife Kirschen.

Er sieht mich an. Kein Lächeln. Kein Beileid-Gesicht. Kein „Es tut mir so leid.“ Nur diese fünf Worte, und dann ein Nicken. Kurz. Fest.

Und dann dreht er sich um und geht.

Keine Vorstellung. Kein Name. Keine ausgestreckte Hand. Er geht über das Feld zurück zu einem Hof, der hinter einer Reihe von Kirschbäumen liegt. Sein Gang ist langsam. Nicht träge. Bedächtig. Wie jemand, der genau weiß, wo jeder Stein liegt.

Ich sehe ihm nach. Sein Rücken, breit unter dem karierten Hemd. Seine Schritte, die leise sind, obwohl seine Stiefel schwer aussehen.

Wer war das?

Ich wische mir die Tränen ab. Stehe auf. Gehe zurück ins Haus.

Der Nachmittag vergeht in einer Betäubung aus Staubwischen und Erinnerungen. Ich öffne Schränke. Finde Omas Geschirr, handbemalt, blaue Blumen auf weißem Grund. Finde Wollknäuel in einem Korb, die Nadeln noch drin, ein angefangenes Stück, das nie fertig wird. Finde ein Bücherregal voller Romane: Rosamunde Pilcher, Iny Lorentz, Konsalik. Auf dem Nachttisch ein Lesezeichen auf Seite 147. Sie hat das Buch nicht zu Ende gelesen.

Du hast ihr Leben nicht zu Ende begleitet.

Hör auf, Lina. Hör auf damit.

Ich mache mir einen Tee. In Omas Tasse, der mit dem angeschlagenen Henkel und den gemalten Kirschen. Der Tee ist aus einer Dose in der Küche: Kamille. Selbst getrocknet, vermutlich. Er schmeckt nach Sommer und nach Oma und nach Zuhause, obwohl dieses Haus seit meiner Kindheit nicht mehr mein Zuhause war.

Draußen wird es dunkel. Kein Straßenlicht. Kein Schein von Nachbarhäusern, nur der Hof nebenan, dessen Fenster schwach leuchten. Der Himmel ist so klar, dass ich Sterne sehe. Sterne. In München sehe ich den Mars, wenn ich Glück habe. Hier sehe ich die Milchstraße.

Ich stehe am Fenster und fühle mich, als wäre ich in eine andere Zeit gefallen. Vor hundert Jahren. Oder in eine Zukunft, in der die Welt aufgehört hat, sich zu drehen, und alle gesagt haben: Reicht jetzt. Wir bleiben hier.

Das Haus knarrt. Wind drückt gegen die Fensterläden. Ich ziehe Omas Strickjacke über meinen Blazer, und es sieht absurd aus, aber es ist warm und es ist ihres und es ist das Einzige, was gerade Sinn ergibt.

Ich gehe noch einmal durchs Haus. Im Wohnzimmer, auf dem Sideboard, zwischen den Fotos: ein Umschlag. Klein, cremefarben, mein Name darauf. Omas Handschrift. Krakelig, aber bestimmt, jeder Buchstabe ein kleines Kunstwerk.

Lina.

Meine Hände zittern, als ich den Umschlag öffne. Ein Brief. Zwei Seiten, in Omas engen Zeilen, die sich nach rechts neigen, als würden sie es eilig haben.

Ich setze mich aufs Sofa. Ziehe die Strickdecke über meine Beine. Und lese.

Mein liebes Mädchen,

wenn du das liest, bin ich nicht mehr da. Das ist in Ordnung. Ich hatte ein gutes Leben, und der meiste Kummer darin war selbstgemacht, also beschwere ich mich nicht.

Du wirst dich schuldig fühlen. Tu das nicht. Ich habe gewusst, dass du viel zu tun hast. Ich war auch mal jung, auch wenn man mir das heute nicht mehr ansieht. Ich weiß, wie das ist, wenn die Welt laut ist und man vergisst, dass es leise Orte gibt.

Aber jetzt bist du hier. Und das Haus steht noch, und der Garten ist ein Chaos, aber die Stockrosen blühen, weil Stockrosen sich von niemandem etwas sagen lassen.

Mein liebes Mädchen, der Kirschbaum blüht, und der Junge nebenan hat ein gutes Herz. Gib dem Dorf eine Chance. Und dir selbst.

Ich habe dir den Kuchen nie beigebracht. Das tut mir leid. Aber das Rezept liegt in der Schublade neben dem Herd, und der Junge weiß, wann die Kirschen reif sind.

Hab keine Angst vor der Stille. In der Stille hört man, was wirklich zählt.

Deine Oma Hilde

Ich lege den Brief auf meine Brust. Presse ihn gegen mich. Als könnte ich ihre Handschrift spüren, ihre Finger, die den Stift gehalten haben.

Der Kirschbaum vor dem Fenster ist eine schwarze Silhouette gegen den Sternenhimmel. Eine Brise weht Blütenblätter gegen das Glas. Leise, wie ein Klopfen.

Gib dem Dorf eine Chance. Und dir selbst.

Ich drehe mich auf die Seite. Ziehe die Decke höher. Omas Lavendelgeruch umhüllt mich wie eine Umarmung.

Und zum ersten Mal seit Wochen schlafe ich ein, ohne den Wecker zu stellen.

Kirschblüten auf einer Windschutzscheibe. Ein Dorf ohne Netz. Eine Großmutter, die mir ein Haus vererbt hat, das ich nie verstanden habe.

Willkommen in Kirschberg.

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