Kapitel 1
Unsichtbar
NORA
Manchmal wünsche ich mir, jemand würde mich sehen.
Nicht ansehen – das tun Menschen ständig. Der Barista im Café Luitpold sieht mich an, wenn er meinen Kamillentee über die Theke schiebt. Mein Vermieter sieht mich an, wenn er mir im Treppenhaus begegnet und fragt, ob die Heizung funktioniert. Meine Mutter sieht mich an, über FaceTime, jeden Sonntagabend, und fragt, ob ich genug esse.
Aber sehen? Wirklich sehen?
Das ist etwas anderes. Das ist der Unterschied zwischen einem Blick, der über eine Oberfläche gleitet, und einem, der stehen bleibt. Der fragt. Der sich weigert, weiterzugehen, bis er verstanden hat, was er sieht.
Niemand sieht mich so.
Ich heiße Nora Fischer, ich bin sechsundzwanzig Jahre alt, und ich bin unsichtbar.
München im Oktober. Die Bäume in Schwabing tragen Gold und Rost, und die Luft riecht nach nassem Laub und den gerösteten Maronen vom Stand an der Leopoldstraße. Ich laufe die drei Blocks vom Supermarkt zu meiner Wohnung, eine Papiertüte mit Nudeln, Pesto und einer Flasche Weißwein im Arm, und niemand dreht sich nach mir um.
Das ist in Ordnung. Meistens.
Früher hat mich das gestört. Mit zwanzig. Mit zweiundzwanzig. Damals bin ich jeden Morgen vor den Spiegel getreten und habe versucht, die Frau zu sehen, die andere sehen sollen. Lippenstift. Mascara. Ein Hauch von Rouge. Ein Outfit, das aussagte: Ich bin hier. Schaut hin. Aber irgendwann habe ich aufgehört. Nicht aus Resignation. Aus Erkenntnis. Menschen schauen nicht hin, egal was man trägt. Menschen haben genug mit sich selbst zu tun.
Meine Wohnung liegt im zweiten Stock eines Altbaus in der Herzogstraße. Hohe Decken, knarrende Dielen, ein Erkerfenster, das nach Süden zeigt und nachmittags so viel Licht hereinlässt, dass ich manchmal vergesse, eine Lampe einzuschalten. Ich arbeite dort – mein Zeichentisch steht am Fenster, umgeben von Stiften, Pinseln, halbfertigen Illustrationen für ein Kinderbuch, das nächsten Monat erscheint. Tiere im Wald. Füchse, Eulen, ein Dachs mit einer roten Mütze.
Die Füchse sind meine Lieblinge. Das Rot ihres Fells, die Art, wie ich ihre Augen zeichne – ein Punkt zu viel, ein Strich zu viel, und sie sehen gemein aus statt schlau. Es ist eine Millimeterarbeit, Tiere gleichzeitig niedlich und klug zu machen. Die meisten Illustratoren schaffen nur das eine. Ich habe mir eingeredet, dass ich beides schaffe, und manche Tage glaube ich es.
Luna sitzt auf dem Fensterbrett und beobachtet die Straße. Luna ist meine Katze – grau, eigensinnig, mit Augen wie flüssiges Kupfer. Sie ist die Einzige in dieser Wohnung, die Gesellschaft leistet, ohne etwas dafür zu verlangen. Abgesehen von Futter. Und dem Fensterplatz. Und dem Recht, mich um fünf Uhr morgens zu wecken, indem sie auf meinem Gesicht sitzt.
Ich stelle die Einkäufe in die Küche, öffne den Wein, gieße mir ein Glas ein. Dann setze ich mich an den Zeichentisch und arbeite, bis das Licht kippt und die Schatten länger werden. Der Fuchs, an dem ich seit drei Tagen zeichne, hat einen Ausdruck in den Augen, den ich noch nicht eingefangen habe. Etwas zwischen Neugier und Vorsicht. Zwischen Komm näher und Trau mir nicht. Ich zeichne ihn immer wieder. Werfe das Blatt weg. Zeichne ihn erneut.
Es ist der Blick, den ich selbst nie schaffe.
Um halb sieben ruft meine Mutter an.
„Nora, mein Schatz.“ Ihre Stimme hat diesen Ton, den ich kenne. Den besorgten. Den Sonntagabend-Ton, nur an einem Dienstag. „Wie war deine Woche?“
„Gut.“
„Nur gut?“
„Ja, Mama. Gut.“
Stille. Ich weiß, was kommt, bevor sie es sagt. Ich höre es in ihrem Atem, in der Art, wie sie den Mund für eine Sekunde öffnet und wieder schließt.
„Ich habe gedacht, du könntest mal Tante Heike anrufen. Ihr Sohn, der Markus, ist wieder single. Er ist Anfang dreißig, arbeitet bei BMW, hat ein schönes Wesen, und –“
„Mama.“
„Ich sag ja nur.“
„Du sagst es seit acht Monaten.“
„Weil acht Monate eine lange Zeit sind, Nora. Man vergisst, wie man lacht, wenn man zu lange allein ist.“
Ich schließe die Augen. Lehne die Stirn gegen das kalte Fenster meiner Küche. Draußen fährt ein Lieferwagen vorbei, seine Scheinwerfer gleiten über die Wand. Luna springt auf die Fensterbank, sieht mich an mit diesem Blick, der sagt: Warum redest du mit ihr, wenn du nicht hören willst, was sie sagt.
„Ich lache, Mama.“
„Mit wem?“
Ich habe keine Antwort. Mit Luna. Mit Mara, wenn sie Zeit hat, und sie hat selten Zeit. Mit meinen Illustrationen, wenn der Fuchs endlich richtig aussieht. Mit niemandem, der zählt, nicht so, wie meine Mutter es meint.
„Ich muss los“, sage ich. „Ich treffe mich gleich mit jemandem.“
Das ist eine Lüge. Ich treffe mich mit meinem üblichen Tisch im Luitpold. Mit meinem Kamillentee. Mit meinem Skizzenbuch.
Aber meine Mutter wird glücklich sein, für die nächsten sieben Tage, bis sie Sonntagabend wieder anruft und wieder fragt.
„Oh, das ist schön!“ Echte Freude in ihrer Stimme. Es tut weh, sie zu hören. „Wer ist es?“
„Mama.“
„Ich frage ja nicht nach Namen. Nur ob es jemand Netter ist.“
Es ist ein Café. Ein Tisch. Eine Zimmerpalme.
„Ja, Mama. Er ist nett.“
Sie ist so dankbar für diese Lüge, dass sie mich in Ruhe lässt, und ich hasse mich dafür, wie leicht es mir fällt.
Um sieben packe ich mein Skizzenbuch ein und gehe ins Café Luitpold.
Das Luitpold ist eine Münchner Institution – hohe Decken, Stuck, Kronleuchter, die Art von Café, in dem Schriftsteller saßen, bevor Schriftsteller in Co-Working-Spaces umzogen. Ich komme seit drei Jahren hierher, jeden Abend, gleicher Tisch, gleiche Bestellung: Kamillentee, ein Stück Apfelkuchen, wenn sie noch welchen haben.
Mein Tisch steht am Fenster, links hinten, halb verborgen hinter einer Zimmerpalme, die wahrscheinlich älter ist als ich. Von hier aus sehe ich den Raum und die Brienner Straße. Die Leute, die vorbeigehen. Die Paare, die sich in der Abendkälte näher aneinander schieben. Die einsamen Gäste, die genau wie ich an Tischen sitzen und so tun, als wären sie beschäftigt mit ihrem Handy, mit ihrem Buch, mit ihrem Nichts.
Ich zeichne. Nicht die Füchse und Dachse, die mich bezahlen. Ich zeichne Menschen. Die Frau am Nebentisch, die in ihr Handy weint und so tut, als wäre es ein Lachanfall. Den alten Mann an der Bar, der seinen Espresso trinkt wie ein Ritual – langsam, andächtig, mit geschlossenen Augen. Das Pärchen in der Ecke, das sich streitet, leise und giftig, mit Lächeln für die Öffentlichkeit und Messern in den Worten.
Ich beobachte, und ich zeichne, und niemand bemerkt es.
Unsichtbar.
Mein Ex – Florian, achtundzwanzig, Marketing-Manager, perfektes Haar, perfektes Lächeln, perfekte Entschuldigung für alles – hat es so formuliert: „Du bist wie Tapete, Nora. Hübsch genug, aber niemand schaut hin.“
Er hat es nicht böse gemeint. Das ist das Schlimme. Er hat es beobachtend gesagt, fast liebevoll, als wäre es ein Kompliment, das er für mich gefunden hat. Wir haben auf seinem Balkon gesessen, haben Rotwein getrunken, und er hat mich angesehen, wie man einen Hund ansieht, den man adoptiert hat, weil keiner sonst ihn wollte.
Drei Tage später habe ich seine Nachrichten mit einer Kollegin gefunden. Sexting, Fotos, Pläne für ein Wochenende in Wien, das zeitlich genau mit einer „Firmenkonferenz“ zusammenfiel. Ihr Name war Denise. Sie war groß, gebaut wie ein Model, und auf den Fotos, die sie ihm schickte, trug sie Spitze, die meine Monatsmiete gekostet haben musste.
Ich habe nicht geschrien. Nicht geweint. Nicht mit Geschirr geworfen. Ich habe seine Sachen in einen Müllsack gepackt und vor die Tür gestellt und das Schloss ausgetauscht, und als er anrief, um zu erklären, habe ich nicht abgenommen. Die nächsten drei Tage hat er vor meiner Haustür gestanden, hat geklingelt, hat Nachrichten hinterlassen. Am vierten Tag hat er aufgegeben und eine lange, literarisch anspruchsvolle E-Mail geschickt, in der er erklärte, dass Monogamie ein überkommenes Konzept sei und ich ihn mit meiner Enge erstickt hätte.
Ich habe die Mail gelesen. Einmal. Dann gelöscht.
Das war vor acht Monaten. Seitdem bin ich allein. Mit Luna, mit meinen Füchsen und Dachsen, und mit dem leisen, hartnäckigen Gefühl, dass Florian recht gehabt hat.
Tapete.
Mara – meine beste Freundin seit der Schule, Kunstrestauratorin, die einzige Person in meinem Leben, die mir widerspricht – sagt, ich solle das Wort aus meinem Wortschatz streichen. „Er war ein Arsch, Nora. Er hat dich gekränkt, weil du ihn gesehen hast, und er konnte nicht ertragen, wie klein er neben dir war.“
Ich glaube ihr nicht. Nicht wirklich. Aber ich lasse sie das sagen, weil es sich für einen Moment anfühlt, als hätte sie recht.
Es passiert zum ersten Mal an einem Dienstagabend.
Ich sitze an meinem Tisch, den Stift zwischen den Lippen, und zeichne die Kellnerin – eine junge Frau mit einem Nasenpiercing und müden Augen, die trotzdem lächelt, als wäre Lächeln eine Pflicht, die sie ernst nimmt.
Und dann spüre ich es.
Kein Blick. Keine Augen, die ich sehen kann. Kein Gefühl von jemand schaut mich an. Es ist anders. Tiefer. Ein Kribbeln im Nacken, das sich die Wirbelsäule hinunterarbeitet wie ein Finger, der eine Saite anschlägt. Die Art von Aufmerksamkeit, die man nicht sieht, sondern fühlt. Die man in der Haut spürt, unter der Haut, in dem Raum zwischen den Knochen.
Ich hebe den Kopf. Sehe mich um. Das Café ist halb voll – die üblichen Abendgäste, nichts Ungewöhnliches. Die ältere Dame mit dem Hut, die immer dienstags kommt. Der Student mit den Kopfhörern, der an seiner Dissertation schreibt. Ein Paar am Fenster, Mitte dreißig, die sich über eine Speisekarte beugen und so tun, als wäre die Entscheidung zwischen Risotto und Pasta das Wichtigste der Welt.
Niemand sieht in meine Richtung.
Ich wende mich wieder meiner Zeichnung zu. Aber das Kribbeln bleibt. Wie eine Hand, die sich nicht zurückzieht. Wie Augen, die sich weigern, wegzusehen.
Du bildest dir das ein, Nora. Du sitzt zu viel allein in deiner Wohnung und redest mit deiner Katze, und jetzt wirst du paranoid.
Ich drehe mich zum Fenster. Draußen ist es dunkel geworden, und das Glas spiegelt das Café zurück – verdoppelt, verzerrt, wie eine zweite Welt hinter der ersten. Ich sehe meinen eigenen Umriss im Fenster, gebeugt über das Skizzenbuch, das Haar zu einem unordentlichen Knoten hochgesteckt, ein Fleck Tusche am Handgelenk, den ich heute Morgen gemacht habe und den ich vergessen habe abzuwaschen.
Im Glas, hinter meinem Spiegelbild, kann ich die Straße sehen. Die Laternen, die Brienner Straße, die Silhouetten der Fußgänger. Und für einen Moment – einen winzigen, kaum greifbaren Moment – glaube ich, eine Bewegung zu sehen. Auf der anderen Straßenseite. Hinter einem der Schaufenster. Etwas, das sich zurückzieht, als ich hinsehe.
Ich drehe den Kopf zum echten Fenster. Nichts. Nur die Straße. Nur die Nacht.
Ich trinke meinen Tee. Zahle. Gehe nach Hause.
Auf dem Weg die Herzogstraße hinauf, im Licht der Straßenlaternen, bleibt das Gefühl. Wie ein Schatten, der sich nicht an die Regeln hält. Wie jemand, der hinter mir geht, aber wenn ich mich umdrehe, ist niemand da.
Ich drehe mich zweimal um. Drei Mal. Jedes Mal nichts. Jedes Mal nur die leere Straße, die Blätter auf dem Pflaster, das entfernte Summen eines Mopeds.
Und trotzdem.
Ich schließe die Haustür auf, steige die Treppe hoch, trete in meine Wohnung. Luna kommt mir entgegen, reibt ihren Kopf an meinem Schienbein. Ich hebe sie hoch, drücke mein Gesicht in ihr weiches Fell.
„Ich bin verrückt, Luna.“
Luna schnurrt. Was entweder Zustimmung ist oder Gleichgültigkeit. Bei Katzen weiß man das nie.
Ich gehe zum Erkerfenster und sehe hinaus. Die Herzogstraße, still und bernsteinfarben unter den Laternen. Gegenüber: ein Altbau, ähnlich wie meiner. Fassade aus der Jahrhundertwende, Balkone mit Eisengeländer. Die meisten Fenster dunkel. Nur ganz oben, im Dachgeschoss, ein schwaches Licht. Rötlich. Warm. Wie eine Dunkelkammer.
Ich habe dieses Fenster schon hundertmal gesehen. Dreihundertmal. In den zwei Jahren, in denen ich hier wohne, habe ich jeden Abend aus diesem Erkerfenster geschaut, und dieses rötliche Licht ist immer da gewesen. Manchmal aus. Oft an. Ein Fixpunkt, so unauffällig wie die Laterne vor der Haustür oder das Klingelschild im Erdgeschoss.
Heute Abend sehe ich es zum ersten Mal. Richtig sehe.
Und ich frage mich, wer dahinter wohnt.
Ich ziehe die Vorhänge zu.
Und hinter dem Stoff, in der Stille meiner Wohnung, pocht mein Herz einen Takt schneller als sonst.
Du bildest dir das ein.
Aber ein Teil von mir – ein dunkler, neugieriger, selbstzerstörerischer Teil, der zu lange unsichtbar gewesen ist – hofft, dass ich es nicht tue.
