Es gibt Montage, die fühlen sich an wie ein persönlicher Angriff des Universums.
Dieser hier war so einer.
Erst hatte mein Wecker beschlossen, dass 6:30 Uhr offenbar eine optionale Empfehlung war. Dann hatte die Kaffeemaschine ihren Geist aufgegeben – einfach so, ohne Vorwarnung, ohne das Recht auf ein letztes Wort. Und jetzt stand ich hier, im vollen Hörsaal B4, in meiner Lieblings-Vorlesung „Klinische Psychologie: Vertiefung", und der einzige freie Platz war ausgerechnet –
Nein. Nein, nein, nein.
Ausgerechnet neben ihm.
Finn Hartmann saß da, als würde ihm der ganze Hörsaal gehören. Zurückgelehnt, ein Bein lässig ausgestreckt, die Arme vor der Brust verschränkt, dieses unerträgliche Halb-Grinsen im Gesicht, das wahrscheinlich bei fünfundneunzig Prozent der weiblichen Studierendenschaft funktionierte.
Bei mir funktionierte es nicht.
Bei mir funktionierte es ganz sicher nicht.
„Weißt du", sagte meine beste Freundin Mila neben mir – nein, nicht neben mir, denn Mila hatte sich natürlich den letzten Platz drei Reihen weiter oben geschnappt und winkte mir jetzt entschuldigend zu. „Es gibt Schlimmeres."
Ich warf ihr einen Blick zu, der hoffentlich ausdrückte, dass ich sie später ermorden würde, und setzte mich.
Finn drehte den Kopf. Langsam, wie in Zeitlupe, als hätte er alle Zeit der Welt. Seine dunklen Augen fanden meine, und sein Grinsen wurde breiter.
„Kastner", sagte er.
„Hartmann", sagte ich.
„Schön, dass du es noch geschafft hast. Ich dachte schon, ich müsste den Platz für dein Ego freihalten, aber das scheint ja heute kompakter unterwegs zu sein."
Ich presste die Lippen zusammen. Nicht reagieren. Nicht auf sein Level begeben. Du bist eine erwachsene Frau. Du studierst Psychologie im fĂĽnften Semester. Du kannst menschliches Verhalten analysieren und einordnen.
„Und ich dachte", sagte ich, weil ich offenbar doch nicht so erwachsen war, „dein BWL-Hörsaal wäre in Gebäude C. Verlaufen? Soll ich dir eine Karte zeichnen? Kleine Bilder, große Buchstaben?"
Er lachte. Leise, tief, und das Geräusch rollte durch mich hindurch wie etwas Warmes.
Nein. Nicht warm. Nervig. Das Geräusch war nervig.
Das war das Problem mit Finn Hartmann. Er ließ sich nicht provozieren. Er genoss es. Und wenn er lachte, hatte sein Gesicht die Unverschämtheit, Grübchen zu bekommen. Zwei Stück. Links und rechts. Wie bestellt.
„Wahlmodul", sagte er und tippte auf seinen Laptop. „Klinische Psychologie. Dachte, ich lerne mal, wie Leute wie du ticken."
Ich wollte etwas erwidern, aber dann bewegte er sich, nur minimal, und sein Knie berĂĽhrte meines unter dem Tisch.
Ich zuckte zurück, als hätte mich etwas verbrannt.
Er bemerkte es. Sein Blick glitt zu meinem Knie, dann zurück zu meinen Augen, und etwas in seinem Gesicht veränderte sich. Nicht das Grinsen. Etwas dahinter.
Bevor ich darüber nachdenken konnte, betrat Professor Weidemann den Hörsaal. Mitte fünfzig, Tweed-Sakko, die Art von akademischer Autorität, bei der selbst die Hinterbänkler ihre Handys wegpackten.
„Guten Morgen. Ich hoffe, Sie haben das Semester bisher genossen, denn ab heute wird es unangenehm."
Ein nervöses Lachen ging durch den Saal.
„In den nächsten drei Monaten werden Sie ein Forschungsprojekt durchführen. Empirisch, qualitativ, eigenständig. Und bevor Sie fragen: Nein, Sie dürfen sich Ihren Partner nicht aussuchen."
Mein Magen zog sich zusammen.
Bitte nicht.
„Die Zuteilung erfolgt alphabetisch. Hartmann und Kastner."
Das Universum hasste mich.
Finn drehte sich zu mir. „Na. Dann werden wir wohl Freunde."
„Eher friert die Alster zu."
„Ist sie doch. 2012."
„Bist du ernsthaft gerade historisch korrekt?"
„Bin BWLer. Wir mögen Fakten."
Nach der Vorlesung fing er mich auf dem Gang ab.
„Hey, Kastner. Warte mal."
Ich ging schneller. Er ging schneller. Seine Beine waren länger, und es war unfair, wie mühelos er aufholte.
Ich blieb stehen.
„Was?"
Er stand vor mir, und aus der Nähe war er – rein objektiv – nicht hässlich. Dunkle Haare, die ihm in die Stirn fielen. Kiefer wie aus einem TikTok-Video geschnitzt. Augen, dunkelbraun mit goldenen Sprenkeln.