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Wider alle Regeln

von A. M. Blackwood

Hot - Moderate Szenen
Contemporary Romance · Universität Hamburg

Sie können sich nicht ausstehen. Er ist arrogant, sie ist stur. Als sie für ein Semesterprojekt zusammenarbeiten müssen, prallen Welten aufeinander – und eine Anziehung, die stärker ist als jede Regel.

Enthält sinnliche Szenen

Inhaltshinweise
  • explizite Liebesszenen
Umfang
10 Kapitelca. 20.000 Wörter
Format
PDF, ePub+ online lesen
Roman
Abgeschlossenauf Deutsch
Zugang
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Leseprobe

Lies hinein

Das erste Kapitel – komplett und kostenlos.

Kapitel 1

Der einzige Platz

LENA

Es gibt Montage, die fühlen sich an wie ein persönlicher Angriff des Universums.

Dieser hier ist so einer.

Erst hat mein Wecker beschlossen, dass 6:30 Uhr offenbar eine optionale Empfehlung ist. Dann hat die Kaffeemaschine ihren Geist aufgegeben – einfach so, ohne Vorwarnung, ohne das Recht auf ein letztes Wort. Und dann die S-Bahn: zwölf Minuten Verspätung am Dammtor, eingequetscht zwischen einem Mann, der nach nassem Hund riecht, und einer Studentin, die so laut telefoniert, dass ich jedes Detail ihrer Trennung mitbekomme. Er hat das Meerschweinchen behalten. Sie das Netflix-Passwort.

Ich stolpere die Treppe zum Hörsaal B4 hoch, außer Atem, mit nassen Haaren und ohne Kaffee, und schiebe die schwere Holztür auf. Die Vorlesung hat noch nicht begonnen, aber der Hörsaal ist voll. Klinische Psychologie: Vertiefung – meine Lieblingsveranstaltung, und das einzige Fach, für das ich bereitwillig um sieben aufstehe. Normalerweise.

Mein Blick fliegt über die Reihen. Dreihundert Plätze, gefühlt dreihundert besetzt. Die hinteren Reihen, wo Mila und ich normalerweise sitzen – voll. Die mittleren Reihen – voll. Die vorderen Reihen, die niemand freiwillig betritt, weil Professor Weidemann die Angewohnheit hat, Leute in der ersten Reihe direkt anzusprechen – fast voll.

Ein einziger Platz ist frei.

Dritte Reihe, ganz links, direkt neben –

Nein. Nein, nein, nein.

Finn Reuter sitzt da, als würde ihm der ganze Hörsaal gehören. Zurückgelehnt, ein Bein lässig ausgestreckt, die Arme vor der Brust verschränkt, dieses unerträgliche Halb-Grinsen im Gesicht, das wahrscheinlich bei fünfundneunzig Prozent der weiblichen Studierendenschaft funktioniert.

Bei mir funktioniert es nicht.

Bei mir funktioniert es ganz sicher nicht.

Mein Handy vibriert. Mila:

Sorry!! Stau auf der A7. Bin in 20 Min da. Sitz schon mal ohne mich ❤️

Ich schaue auf den einzigen freien Platz. Schaue auf mein Handy. Schaue zurück.

Mila, der einzige freie Platz ist neben Reuter.

Drei Punkte. Dann:

LOL. Viel Spaß 😂

Ich werde sie ermorden. Langsam, methodisch, mit klinisch-psychologischer Präzision. Aber das muss warten.

Ich gehe die Stufen hinunter, den Blick geradeaus, als würde mich der Platz nicht stören. Meine nassen Sneakers quietschen auf dem Linoleum. Eine Studentin in der zweiten Reihe sieht mich mitleidig an. Ich setze mich.

Finn dreht den Kopf. Langsam, wie in Zeitlupe, als hätte er alle Zeit der Welt. Seine dunklen Augen finden meine, und sein Grinsen wird breiter.

„Kastner.“

„Reuter.“

„Schön, dass du es noch geschafft hast. Ich dachte schon, ich müsste den Platz für dein Ego freihalten, aber das scheint ja heute kompakter unterwegs zu sein.“

Ich presse die Lippen zusammen. Nicht reagieren. Nicht auf sein Level begeben. Du bist eine erwachsene Frau. Du studierst Psychologie im fünften Semester. Du kannst menschliches Verhalten analysieren und einordnen.

„Und ich dachte“, sage ich, weil ich offenbar doch nicht so erwachsen bin, „dein BWL-Hörsaal wäre in Gebäude C. Verlaufen? Soll ich dir eine Karte zeichnen? Kleine Bilder, große Buchstaben?“

Er lacht. Leise, tief, und das Geräusch rollt durch mich hindurch wie etwas Warmes.

Nicht warm. Nervig. Das Geräusch ist nervig.

Das ist das Problem mit Finn Reuter. Er lässt sich nicht provozieren. Er genießt es. Und wenn er lacht, hat sein Gesicht die Unverschämtheit, Grübchen zu bekommen. Zwei Stück. Links und rechts. Wie bestellt.

„Wahlmodul“, sagt er und tippt auf seinen Laptop. „Klinische Psychologie. Dachte, ich lerne mal, wie Leute wie du ticken.“

Ich will etwas erwidern, aber dann bewegt er sich, nur minimal, und sein Knie berührt meines unter der schmalen Klapptisch-Konstruktion, die diese Hörsaalplätze als Schreibfläche tarnt.

Ich zucke zurück, als hätte mich etwas verbrannt.

Er bemerkt es. Sein Blick gleitet zu meinem Knie, dann zurück zu meinen Augen. Etwas in seinem Gesicht verändert sich. Nicht das Grinsen. Etwas dahinter. Etwas, das zu schnell verschwindet, als dass ich es einordnen könnte.

Bevor ich darüber nachdenken kann, betritt Professor Weidemann den Hörsaal. Mitte fünfzig, Tweed-Sakko, Hornbrille, die Art von akademischer Autorität, bei der selbst die Hinterbänkler ihre Handys wegpacken. Er legt seine Unterlagen auf das Pult, schaltet den Beamer ein und schaut in die Runde.

„Guten Morgen. Ich hoffe, Sie haben das Semester bisher genossen, denn ab heute wird es unangenehm.“

Ein nervöses Lachen geht durch den Saal.

„In den nächsten drei Monaten werden Sie ein Forschungsprojekt durchführen. Empirisch, qualitativ, eigenständig.“ Er lässt die Worte sacken. „Und bevor Sie fragen: Nein, Sie dürfen sich Ihren Partner nicht aussuchen.“

Gemurmel. Stühle knarren. Jemand hinter mir stöhnt.

„Die Zuteilung erfolgt alphabetisch.“ Weidemann schiebt seine Brille hoch und nimmt eine Liste vom Pult. „Ich lese jetzt die Paare vor. Bitte notieren Sie Ihren Partner.“

Mein Magen zieht sich zusammen.

Alphabetisch. K und R. Nein. Das wird nicht –

Weidemann beginnt. „Anders und Becker. Brinkmann und Chen. Dallmann und Engel.“ Er liest gleichmäßig, ohne Pause, Name für Name. Ich höre halb hin, halb zähle ich im Kopf ab, wie viele Paare noch vor uns kommen. „Fischer und Grabowski. Grossmann und Hahn.“ Er blättert um. „Hoffmann und Jansen.“ Namen, Namen, ich verliere den Faden. „Kastner und Reuter.“

Das Universum hasst mich.

Mein Blick schießt zu Finn. Er dreht sich zu mir, und das Grinsen ist weg. An seiner Stelle liegt etwas in seinem Gesicht, das ich nicht erwartet habe: Überraschung. Echte, ungespielte Überraschung, die sich in einem Bruchteil einer Sekunde in etwas anderes verwandelt.

„Na“, sagt er leise, während Weidemann weiterliest. „Dann werden wir wohl Freunde.“

„Eher friert die Alster zu.“

„Ist sie. 2012.“

„Bist du ernsthaft gerade historisch korrekt?“

„Bin BWLer. Wir mögen Fakten.“

Weidemann ist bei den R-Namen angekommen. Um mich herum drehen sich Köpfe, bilden sich Blicke, suchen die zugeteilten Partner. Zwei Reihen hinter mir flüstert eine Studentin: „Wer ist Finn Reuter?“ Ihre Sitznachbarin: „Der Typ da vorne. Der mit den Grübchen.“ Pause. „Du Glückliche.“

Ich könnte schreien.

Nach der Vorlesung fängt er mich auf dem Gang ab.

„Hey, Kastner. Warte mal.“

Ich gehe schneller. Durch den Flur des zweiten Stocks, vorbei an den Aushängen für Tutorien und Sprechstunden, vorbei an der Pinnwand mit den Stipendienlisten, die seit diesem Semester digital sind. Er geht schneller. Seine Beine sind länger, und es ist unfair, wie mühelos er aufholt.

Ich bleibe stehen. Verschränke die Arme.

„Was?“

Er steht vor mir, und aus der Nähe, ohne die Distanz des Klapptischs, ist er – rein objektiv – nicht hässlich. Dunkle Haare, die ihm in die Stirn fallen. Kiefer, der aussieht, als hätte ihn jemand mit dem Lineal gezeichnet. Augen, dunkelbraun mit goldenen Sprenkeln, die im Neonlicht des Flurs schimmern.

Er riecht nach etwas Holzigem, Warmem. Nicht aufdringlich. Nur so viel, dass man unwillkürlich einatmet.

Rein objektiv.

„Wir müssen reden“, sagt er. „Über das Projekt.“

„Schick mir eine Mail.“

„Ich stehe direkt vor dir.“

„Und trotzdem wäre eine Mail effizienter.“

Er lehnt sich an die Wand. Sein T-Shirt, dunkelblau, schlicht, spannt sich über seinen Schultern. Er trägt den Rucksack nur über einer Schulter, und die Pose sieht aus wie aus einem Katalog. Wahrscheinlich weiß er das. Wahrscheinlich übt er das vor dem Spiegel.

Fokus, Kastner.

„Hör zu“, sagt er. Sein Ton verändert sich. Weniger Grinsen, mehr Ernst. „Ich weiß, dass du mich nicht ausstehen kannst. Aber ich brauche eine gute Note in diesem Fach. Und du bist die beste Studentin in diesem Jahrgang. Also können wir entweder drei Monate lang so tun, als wäre der andere Luft, oder wir machen das vernünftig.“

Das ist unerwartet ehrlich.

Ich kneife die Augen zusammen. „Seit wann weißt du, dass ich die Beste bin?“

Etwas verändert sich in seinem Blick. Ein Aufblitzen von etwas Ungeschütztem, wie ein Tier, das einen Moment lang die Deckung vergisst. Dann ist es weg, ersetzt durch das übliche Grinsen.

„Steht doch überall.“

„Wo?“

„Online. Auf der Fakultätsseite.“

Das stimmt. Seit der Digitalisierung der Stipendienlisten steht mein Name tatsächlich online. Aber die Seite hat ein Interface aus den frühen Zweitausendern und findet sich nur, wenn man gezielt danach sucht.

Er hat gezielt danach gesucht?

Ich schiebe den Gedanken weg. „Bibliothek. Morgen, 14 Uhr. Und komm vorbereitet – ich habe keine Lust, dir die Grundlagen qualitativer Forschung zu erklären.“

„Bin BWLer. Wir können googeln.“

„Genau das meine ich.“

Ich drehe mich um und gehe. Spüre seinen Blick in meinem Rücken wie eine physische Berührung. Am Ende des Flurs biege ich um die Ecke, lehne mich gegen die Wand und atme aus.

Drei Monate. Drei verdammte Monate.

Mein Handy vibriert. Mila, die endlich angekommen ist:

UND?? Wie war's neben Grübchen-Boy?

Ich hasse dich.

Du liebst mich. Was ist passiert?

Wir sind Projektpartner. Weidemann hat alphabetisch zugeteilt.

Drei Sekunden. Dann:

AHAHAHAHA

Ich meine es ernst, Mila.

Ich auch. Das ist göttliche Ironie. Die Psychologin, die Gefühle analysiert, und der BWLer, der sie vermeidet. Weidemann hat mehr Gespür als ihr beide zusammen.

Es gibt keine Gefühle.

Klar. Du schreibst in Großbuchstaben, weil du völlig entspannt bist.

Ich stecke das Handy weg und marschiere zur U-Bahn. Der Regen hat aufgehört, aber die Luft ist feucht und kalt, und Hamburg sieht aus wie immer im Oktober: grau, nass, trotzig schön. Die Alster glänzt stumpf unter dem Wolkenhimmel. Studenten strömen über den Campus, Rucksäcke und To-go-Becher, Gespräche und Gelächter.

Ich kaufe mir einen Kaffee am Dammtor. Hafer-Latte, extra Shot. Stehe an der Kreuzung und trinke ihn im Stehen, weil ich gerade keine Geduld habe, mich hinzusetzen.

Finn Reuter.

Ich kenne ihn seit drei Semestern. Oder besser: Ich kenne seine Wirkung seit drei Semestern. Er sitzt in der Einführungsvorlesung, seit er Psychologie als Wahlmodul belegt hat, und seitdem kreisen wir umeinander wie zwei Magnete mit falscher Polung. Jede Begegnung endet in Sarkasmus, jede Diskussion in einem Schlagabtausch, bei dem keiner von uns nachgibt.

Mila sagt, das sei Balzverhalten. Mila studiert auch Psychologie. Mila sollte es besser wissen.

Es ist kein Balzverhalten. Es ist Antipathie. Klare, messbare, reproduzierbare Antipathie.

Dann erkläre mal, warum dein Puls schneller wird, wenn du ihn siehst.

Physiologische Stressreaktion. Klassische Kampf-oder-Flucht-Antwort auf einen aversiven Stimulus.

Und das Knie?

Zufall. Anatomische Nähe in einem engen Hörsaalplatz. Kein Signal, keine Bedeutung.

Und sein Lachen?

Ich trinke meinen Kaffee aus und werfe den Becher in den Mülleimer. Zu fest. Er prallt ab und rollt über den Gehweg.

Abends sitze ich auf meinem Bett in der WG. Mein Zimmer ist klein – zehn Quadratmeter, Dachschräge, ein Schreibtisch unter dem Fenster, Bücher gestapelt auf dem Boden, weil das Regal voll ist. An der Wand über dem Bett hängt ein Poster: The mind is its own place, and in itself can make a heaven of hell, a hell of heaven. Milton. Mila hat mir das zum Einzug geschenkt.

Mila selbst sitzt auf dem Boden, den Rücken an mein Bett gelehnt, eine Packung Schoko-Leibniz auf dem Schoß. Sie hat ihre Beine unter sich gefaltet und sieht mich an mit diesem Blick, den ich kenne – halb therapeutisch, halb triumphierend.

„Es ist nur ein Projekt“, sagt sie.

„Es ist Finn Reuter.“

„Er ist objektiv nicht schlecht anzusehen.“

„Er ist objektiv ein Idiot.“

„Ein Idiot, der Klinische Psychologie als Wahlmodul nimmt.“ Sie hält mir einen Keks hin. „Ein BWLer, der freiwillig qualitative Forschungsmethoden lernt. Das ist das Gegenteil von einem Idioten, Lena.“

Ich nehme den Keks und beiße ab. „Er provoziert mich. Ständig. Seit drei Semestern.“

„Hast du dich mal gefragt, warum?“

„Weil er ein Idiot ist.“

„Oder weil er nicht weiß, wie er sonst mit dir reden soll.“ Sie knabbert an einem Keks. „Du weißt, was Bowlby über Bindungsverhalten sagt? Manche Menschen haben als Kind gelernt, dass Nähe gefährlich ist. Also ersetzen sie Zuneigung durch Provokation, weil das sicherer ist.“

„Mila.“

„Ich sag ja nur.“

„Sag es nicht.“

Sie lächelt. Wissendes, irritierendes Lächeln. Mila-Lächeln.

Ich werfe ein Kissen nach ihr. Sie fängt es auf.

Aber als ich später im Dunkeln liege, die Decke bis zum Kinn gezogen, Hamburgs Nachtgeräusche vor dem Fenster – Regen, ein Krankenwagen, das Brummen der S-Bahn –, denke ich an sein Knie an meinem. An den Bruchteil einer Sekunde auf dem Flur, in dem er ausgesehen hat wie jemand, der erwischt worden ist.

An das Wort, das er benutzt hat. Beste Studentin.

An die Art, wie er es gesagt hat. Nicht spöttisch. Nicht ironisch. Einfach so, als wäre es eine Tatsache, die er schon lange kannte.

Mein Puls ist schneller, als er sein sollte.

Morgen. Bibliothek. 14 Uhr.

Ich werde definitiv keinen Kaffee mitbringen.

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